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Aktuelles aus der Hochschule

100 Jahre Frauenwahlrecht

Buchpräsentation von Rebecca Beerheide und Dr. Isabel Rohner

Die Kooperationsveranstaltung der Gleichstellungsbeauftragten des Landkreises, Angela Geweke, Karin Jahns von der Stadt Hildesheim sowie der Gleichstellungsbeauftragten der Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit, Prof. Dr. Sabine Mertel, war gerahmt von lebendigem Diskurs und einer Vernetzung der Teilnehmenden.

Das Besondere an einem Ereignis ist per se, dass es sich vorab nicht konstruieren lässt. Zwar lassen sich die Eckdaten vereinbaren und mit der guten Auswahl bestimmter Programmpunkte, sowie der achtsamen Vorbereitung, lässt sich beeinflussen, dass und wie ein Termin stattfinden wird – was ihn dann aber zu einem hervorgehobenen Ereignis werden lässt, das in Erinnerung bleibt, ist von vielen Komponenten abhängig und entzieht sich der (absoluten) Planbarkeit. So geschehen gestern an der HAWK in Hildesheim, als zu einer Veranstaltung zur Feier von 100-Jahren Frauenwahlrecht geladen wurde, einer Einladung der, wie Professorin Sabine Mertel gleich zu Beginn ihrer eröffnenden Rede bemerkte, ausschließlich Frauen nachgekommen waren – dies dafür in großer Zahl und bunt durchmischt hinsichtlich Alter und Berufshintergrund. Mit der Explikation der geschlechtlichen Homogenität half Mertel dabei, dass sich eine ungeplante, jedoch thematisch durchaus humorig bemerkenswerte, Randbedingung, in einen Raum der Möglichkeiten verwandeln konnte. Der augenscheinlichen Besonderheit des Publikums  wurde auf diese Weise eine interessante Widmung für diesen Abend zugesprochen, deren impliziter Gehalt des Zusammenkommens war, auf der Basis der Geschichtskenntnisse über die Aktualität des Rechts der Frauen zu sprechen, zu wählen und sich auch aktiv zur Wahl zu stellen und (eine) politisch(e) Position zu ergreifen.

Der Dank für die Ermöglichung des Abends gebührt zuvorderst der Gleichstellungsstelle des Landeskreises Hildesheim, sowie jener der Stadt Hildesheim, vertreten durch die erste Kreisrätin, Evelin Wißmann, der umfassenden Vorbereitungsarbeit von Angela Geweke und Karin Jahns, sowie den beiden Gastgeberinnen, den Professorinnen der Fakultät für Soziale Arbeit und Gesundheit an der HAWK, Professorin Sabine Dahm und Professorin Sabine Mertel. Ebenso ist dem Netzwerk „Justitia-Frauen“ herzlich zu danken, stellvertretend sprach die Rechtsanwältin, Gabriele Hupka Geleitworte. Die Kooperation dieser Stellen und Frauen hat diesen außergewöhnlichen Abend ermöglicht. Auf inhaltlicher Ebene ist natürlich zudem den beiden Autorinnen Rebecca Beerheide und Dr. Isabel Rohner zu danken, die souverän-humorvolle Einblicke in ihr Buch gaben, das den Rahmen der Veranstaltung lieferte. Daneben haben auch alle anderen anwesenden Frauen wichtige Beiträge zum Gelingen dieser Denk-Feier geleistet.

Bereits die Grußworte von Evelin Wißmann machten deutlich, dass die Sprache des Abends klar sein darf und wird, denn sie erinnerte daran, dass 100 Jahre zwar ein langer Zeitraum wären, wir allerdings davon noch weit entfernt, dass Frauen in der Gesellschaft auch die „Hälfte der Macht“ zukäme, sie appellierte weiters: „Wir müssen etwas verändern wollen!“ und „Lassen wir uns die Türe nicht wieder zudrücken! Es liegt an uns (Frauen), diesen erkämpften politischen Spielraum auch zu nützen!“ Daran schloss Gabriele Hupka an und betonte exemplarisch an ihrem Netzwerk für Juristinnen, wie essentiell das weiblich Vernetzen auf Augenhöhe wäre, bei dem sowohl den jeweils fachspezifischen Überschneidungen, als auch den alltäglichen Fragen und Facetten des Frau-Seins Raum gegeben würde.

Den Hauptprogrammpunkt der Veranstaltung bestritt das Autorinnen-Team Rebecca Beerheide und Isabel Rohner. Ab dem ersten Moment wurde spürbar, dass die Kombination verschiedener Fachbereiche in der Praxis besonders fruchtbar sein kann, denn Rohner schrieb ihre Doktorarbeit in den Literaturwissenschaften, ihre Arbeitsweise ist von historischer Forschung geprägt, wobei der Auseinandersetzung mit der bekannten Frauenaktivistin Hedwig Dohm (*1831 – 1919) prägende Bedeutung zuzukommen scheint; Rohner referenziert mehrfach auf diese wichtige Vorkämpferin in feministischen Feldern. Rebecca Beerheide ist Journalistin mit hoher Internetpräsenz zu politischen Themen aus feministischer Perspektive, zudem leitet sie die „politische Redaktion“ beim Deutschen Ärzteblatt mit Schwerpunkt Gesundheitspolitik. Die beiden begannen ihre Präsentation mit der Entstehungsgeschichte ihres Buches: Eines ihrer freundschaftlich vereinbarten Treffen fand ausgerechnet zwei Tage nach jenem Tag statt, an dem die Wahl von Donald Trump zum neuen US-Präsidenten publik wurde. Für Beerheide und Rohner, die ihrer Bestürzung klar Ausdruck verliehen, schien klar: „Aktuell wirken Frauenrechte wieder verhandelbar!“ So entstand an diesem amikalen Mittagstisch der Plan, auf diese Einsicht mit einem gemeinsamen Buch zu antworten und hierfür noch weitere Autorinnen zu gewinnen, in dem die Geschichte der Frauenrechte recherchiert und vorgestellt wird, und auf dieser Basis die Gegenwart analysiert.

In einem dialogisch gestalteten Vortrag gab es aufbereitete Fakten zum Wer, Wie, Was und Ab-Wann der aktiven und passiven Wahlbeteiligung der Frauen. Eine Conclusio war dabei, dass es alleine mit dem Recht zu wählen und sich wählen zu lassen nicht getan ist – die Zahlen der Frauen und Transgender-Personen unter den politisch aktiven Akteur*innen sind in Deutschland sowie europaweit nach wie vor erschreckend weit von der 50% Marke entfernt, die für ausgewogene Machtverteilung eine gute Ausgangsbasis darstellen könnte. Ein paar der Fakten die besonders hervorstachen: Niedersachsen hat im Landtag einen Frauenanteil, der unter 30% liegt (es sind 38 Frauen); deutschlandweit fehlen aktuell 140 Frauen im Parlament, wenn mensch die einfache Halbe-Halbe-Forderung im Auge behält, deren Erfüllung per Gesetz für das Jahr 2025 festgelegt wurde. Und um auch etwas Positives zu notieren: der geforderte Frauenanteil im Bundestag ist (einzig) bei den Grünen (mit 58 Prozent) bereits erreicht.
Den zahlreichen Fragen, die das Autorinnen-Team eingangs und in den Einladungs-Medien (Flyer/Plakat) stellte, wurden nach und nach mögliche Antworten hinzugestellt – dieser Prozess wurde rege von allen beteiligten Frauen bereits in der Podiumsdiskussion aufgegriffen und beim geselligen Umtrunk vertieft und ausgeweitet. Frau Professorin Dahms Moderation brachte interessante Wortmeldungen hervor und lenkte auch Aufmerksamkeit auf bis dorthin weniger beachtete Facetten. Es folgen exemplarisch einige der Fragen, sowie der abgeleiteten Antworten.

Was verbinden Frauen heute mit dem Wahlrecht? Was bedeutet es für sie – und was wissen sie über seine Geschichte und die Pionierinnen, die es erkämpft haben? Welche Verantwortung hat jede einzelne von uns – gerade in Zeiten erstarkender rechter Gruppierungen und Parteien, die erzkonservative Frauen- und Familienbilder propagieren und ihre antifeministische Haltung kaum verbergen? Wählen Frauen eigentlich anders? Wie sieht es in Europa sonst, sowie in der restlichen Welt aus?

Imperative, für die sich aus der geschlechts-homogenen Zusammensetzung ergibt, sie in der Wir-Form formulieren zu können:

Engagieren wir uns! Vernetzen wir uns! Solidarisieren wir uns! Werden/bleiben wir empathisch für Frauen in unterschiedlichen Lebensmodellen! Leben wir in unserem Umgang mit anderen Frauen(Gruppen) vor, was wir uns gesamtgesellschaftlich wünschen: Respekt, Toleranz, Wertschätzung, Hilfestellungen, die an den individuellen Bedürfnissen orientiert sind! Dehnen wir das Machtverhältnis rasant der 50-Prozent-Marke entgegen und gehen mit dieser Macht verantwortungsvoll um! Und – last but not least – helfen wird den (durch Abwesenheit auffallenden) Männern dabei, zu verstehen, was auch sie davon haben, in einer Gesellschaft leben zu können, in der Menschenrechte und Menschenwürde ganz selbstverständlich ohne Geschlechterdifferenz gelebt werden (sollen)!

Text:
Reingard Schusser, Mag. phil., Doktorandin

Literaturhinweis:
Isabel Rohner und Rebecca Beerheide (Hrsg.): 100 Jahre Frauenwahlrecht. Ziel erreicht! ... und weiter? Ulrike Helmer Verlag 2017. 

Erscheinungsdatum: 08.05.2018