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Bauen und Erhalten

Einsatz modernen 3D-Verfahren in der Restaurierung

HAWK-Tagung am 4. April 2014: Abschluss des interdisziplinären Projekts "Adlumer Madonna"

Ziel des Projektes war es, eine Kopie einer lebensgroßen Sandsteinskulptur für die katholische Kirchengemeinde Adlum bei Hildesheim anzufertigen.

Das rokokozeitliche Original mit beeindruckend bewegtem Faltenwurf wurde nach mutwilliger Beschädigung und aufwendiger Restaurierung auf das Anwesen der Eigentümer umgestellt. Der barocke Sockel verblieb am ursprünglichen Standort in der Feldflur - seit 1988 ohne seine Marienskulptur. Durch Aufstellung einer Kunststeinkopie soll das Flurdenkmal in seiner ursprünglichen Einheit wieder erfahrbar werden.

Wie aber fertigt man eine Kopie, ohne das Original in die Werkstatt zu bringen?

Wie realisiert man dabei eine Neugestaltung der bei der letzten Restaurierung erneuerten Köpfe, ohne die Steinskulptur selbst anzutasten? In Kombination moderner und traditioneller 3D-Formgebungsverfahren konnte diese Aufgabenstellung in interdisziplinärer Zusammenarbeit der Fakultäten [b] und [g] gelöst werden. 3D-Laser-Scannen, 5-Achs-CNC-Fräsen, künstlerisch-handwerkliche Nachbearbeitung, Silikonkautschuk-Abformung sowie die Ausformung in Kunststein mit abschließender farblicher Fassung waren die Eckpunkte dieses Projekts unter der Gesamtleitung von Prof. Dr. Nicole Riedl und Dipl.-Rest. Gerhard D`ham.

Die Adlumer Madonna wurde mittels 3D-Laserscann vor Ort digital erfasst, um die Daten im nächsten Schritt zu einem virtuellen Modell zusammen zu fügen (Rapid Prototyping Labor der Fakultät Gestaltung, Dipl.-Des. Reiner Schneider). Unter Einsatz von 5-Achs-CNC-Frästechnik wurde ein physisches Modell in Polyurethanhartschaum (PUR) hergestellt (Labor für Bearbeitungstechnik LBT der Fakultät Bauen und Erhalten, Dipl.-Ing. Norbert Linda, Dipl.-Ing. Renke Abels). Hierzu musste das virtuelle Modell der Madonna in sieben horizontale Abschnitte aufgeteilt werden. Jedes Bauteil erhielt für den Fräsvorgang eine spezielle Vakuumhaltevorrichtung. Um insbesondere bei der komplizierten Formgebung des Gewandes die vielen Hinterschneidungen erreichen zu können, mussten fast alle Blöcke nacheinander von unten und von oben eingespannt und bearbeitet werden. Nach Abschluss der Fräsarbeiten konnten die einzelnen PUR-Blöcke zur vollständigen Skulptur verklebt werden.

Das gefräste PUR-Modell wurde dann von Studierenden der Restaurierung unter Leitung des akad. Bildhauer Erwin Legl bildhauerisch nachbearbeitet. Herr Legl hatte zuvor auch eine Neumodellierung der bereits früher ergänzten Köpfe von Madonna und Jesuskindes ausgeführt, die ebenfalls gescannt und gefräst worden waren.

Anschließend wurde das Modell von der Bildhauerfirma Wennemer aus Münster mit Silikonkautschuk abgeformt und in eine witterungsbeständige Kunststeinkopie überführt. Diese Replik wurde farbig gefasst und soll im April 2014 auf dem historischen Sockel aufgestellt werden.

Das innovative, in die Lehre integrierte Projekt war nur Dank großzügiger finanzieller Unterstützung durch das Präsidium der HAWK möglich.

Auf der Tagung am 4. April 2014 wird über die verschiedenen Stationen  dieser fachübergreifenden Projektarbeit berichtet. Es werden aber auch weitere Projekte an der HAWK vorgestellt, bei denen moderne 3D-Verfahren für neue Ergänzungstechniken an einer Marmorbüste und an einem Chorgestühl eingesetzt wurden. Weitere Anwendungsmöglichkeiten dieser Techniken für die Rekonstruktion zerstörter Kunstwerke, die Visualisierung früherer Erscheinungsformen von Kulturgut und die Überwachung des Erhaltungszustandes von kunst- und Kulturgut werden ebenfalls thematisiert.

Eine Anmeldung zur Tagung ist noch möglich bis zum 31. März 2014 unter dham@hawk-hhg.de.

Erscheinungsdatum: 30.03.2014