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Management,
Soziale Arbeit, Bauen

"Fußball ist mehr als ein Sport"

Highlights des Seminars: "Der zwölfte Mann ist eine Frau - Lebenswelten von Ultras"

Bisheriges Highlight des Seminars, dessen Ziel sowohl ein tieferes Verständnis der heterogenen Ultra-Szenen als auch das Ausloten beruflicher Perspektiven für Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter in Fanprojekten ist, war der Besuch des Bundesligaspiels SV Werder Bremen vs. TSG Hoffenheim und der fachliche Austausch mit Verantwortlichen des Bremer Fanprojektes.

Ein Teil der insgesamt 20 Studierenden war zuvor noch nie in einem Fußballstadion. Umso überwältigter war die Gruppe von der positiven und unterstützenden Atmosphäre im Weserstadion. In bester Sichtlage auf die Ostkurve mit ihren zahlreichen Ultragruppen konnten wechselnde Choreografien und kreative Formen des "Supports" verfolgt werden.

Was auf den ersten Blick als triviale "Eventkultur" erscheinen mag, bildet sich in der Lebenswelt aktiver Ultras deutlich komplexer ab: "Ultra" wird sowohl sozialwissenschaftlich als auch medial als wichtigste Jugendkultur unserer Tage angesehen und meint neben der Hingabe für den jeweiligen Verein vielerorts die Auseinandersetzung um politische und subkulturelle Deutungshoheit im Stadion und im Alltag, Selbsthilfe innerhalb der Gruppen und nicht zuletzt die Pflege sozialer Netzwerke.

Nicht überall haben sich dabei emanzipatorische und demokratische Kommunikations- und Ausdrucksformen durchgesetzt. Während beispielsweise in Dortmund oder Düsseldorf aktuell systematisch Rechtsextreme in der Ultra-Szene Fuß fassen, dominiert in Bremen deutlich eine andere politische Lesart: Slogans wie "Refugees are welcome to Werder Bremen" oder "Ultra has no Gender" stehen dabei stellvertretend für die politische Ikonographie der Bremer Ultra-Gruppen und ihr Selbstverständnis.

  • Fußball bietet Identifikationsangebote und ermöglicht Sozialisation und Abgrenzung. Sozialer und wirtschaftlicher Status verliert im Stadion an Bedeutung.
  • Ein Fußballspiel ist unkalkulierbar und überwiegend ergebnisoffen, also spannend bis zum Spielende.
  • Fußball bietet Raum für Emotionalität und ist in seiner Popularität ein weltweites Massenphänomen.

Der Begriff "Lebenswelten" ist für Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter dabei das Schlagwort: Die Ultraszene dominiert den Alltag einer wachsenden Zahl junger Menschen. Deshalb gibt es in Bremen zusätzlich zu der vereinseigenen Fanbetreuung seit 30 Jahren den Verein "Fan-Projekt e.V.", der sich professionell auf vielfältige Weise um die Belange der Fans, kümmert.

Subkulturen werden gerade von Jugendlichen gesucht und vor allem bei den Ultras gefunden. Vor Beginn des Spiels trafen sich die Studierenden mit dem Pädagogen Manfred Rutkowski in den Räumen des Fanprojektes, unmittelbar unter der Ostkurve des Weserstadions. Rutkowski ist Teil eines multiprofessionellen, vierköpfigen Teams. Das Projekt bietet den Gruppen für die Vorbereitung der Choreographien Räume, die einige Gruppen annehmen, um ihrem "ausgeprägten Drang zur Selbstdarstellung" (Rutkowski) nachgehen zu können.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Fanprojektes moderieren bei Konflikten zwischen den Gruppen, bei Ärger mit der Polizei oder mit den Ordnerinnen und Ordnern im Stadion. Gewalt im Zusammenhang mit Fußball wird von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern thematisiert und hinterfragt: "Gewalttätige Aktionen bleiben seitens des Fanprojektes nie unkommentiert!", betont Rutkowski, der dabei auch das häufig konfrontative Vorgehen der Polizei gegenüber Ultras kritisiert. Das Verhältnis zu den Gruppen ist für das Fan-Projekt teilweise kompliziert, Loyalitätskonflikte bei Stellungnahmen oder punktuelle Abgrenzungen sind keine Seltenheit. Zahlreiche Angebote wie z.B. Trommel-Workshops oder Mädchenarbeit stehen für den lebensweltorientierten und akzeptierenden Ansatz des Fan-Projektes.

Laut Rutkowski sind etwa 15-20% der Ultra-Gruppen weiblich. Das Fanprojekt ist Teil der örtlichen Jugendhilfelandschaft und wird öffentlich gefördert. Das Fan-Projekt Bremen, so Rutkowski, sei "sehr erfolgreich". Das Projekt habe schon viel erreicht. Es existiert ein funktionierendes "Frühwarnsystem" gegen rechtsextreme Fans. Außerdem nehmen besonders "problembelastete" Jugendliche Kontakt zum Fan-Projekt auf.

Die lange und abwechslungsreiche Geschichte des Fußballs begründet die ebenso abwechslungsreiche Arbeit im Fan-Projekt. Auch die Ultra-Szene unterliegt dem Wandel der Zeit, weshalb auch die Ansprüche und Bedürfnisse der Fans sich ständig ändern. Das Fan-Projekt versucht die Fans bei diesem Wandel zu unterstützen. Rutkowskis abschließende Worte, "Wir nehmen die Fans so, wie sie sind!", machen dessen akzeptierende und wertschätzende Arbeit deutlich.

 

Erscheinungsdatum: 24.04.2014