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Naturwissenschaften
und Technik

Rechnen ist nicht gleich Rechnen

Mathekompetenzen von Studienanfänger/innen in der Analyse und Diskussion

„Eine Aufgabe für Sie! Suchen Sie Mathe im Stundenplan!“ Mit dieser Aufforderung eröffnete Friedo Ach, Studienrat am Eichsfeld Gymnasium, ehemaliger HAWK-Student und Dozent, die Diskussionsrunde an der Fakultät [n] unter der Fragestellung „Mit welchen Mathekompetenzen kommen Studienanfänger/innen im Jahr 2013 an die HAWK?“.

Dekane und Studiendekaninnen, Professorinnen und Professoren sowie Lehrbeauftragte und Studierende der Fakultäten [b], [m] und [n] waren der Einladung von LernkulTour am 18. Juni 2013 nachgekommen. Ziel war es, gemeinsam relevante und hilfreiche Hinweise für die Gestaltung von Brückenangeboten und  Lehrveranstaltungen im ersten Semester für Mathematik zu erfassen. 

Überraschende Einblicke in die schulische Mathematik

Einige der Teilnehmerinnen und Teilnehmer zeigten sich sichtlich überrascht von den Erläuterungen Achs: Der Mathematik, ob Grundkurs oder Leistungskurs, werden vier Schulstunden pro Woche eingeräumt. Nicht mehr oder weniger als den vielen anderen Fächern, die zu einer Allgemeinen Hochschulreife führen.

Und wie wird Mathematik gelehrt?
Deutlich stellte Ach heraus, dass vor allem mit praxisrelevanten und anschaulichen Anwendungsbeispielen gerechnet wird. Gerade darin sieht er den richtigen Weg, mathematisches Denken zu trainieren. Die Nutzung des CAS-Taschenrechners verlangt und fördert dabei insbesondere kombinatorische Fähigkeiten. Und genau hier wird in der Diskussionsrunde ein erster Knackpunkt für den Übergang an die Hochschule entdeckt.

Rechnen ist nicht gleich Rechnen

Für viele Studienanfänger/innen ist es eine große Herausforderung, wenn sie Matheaufgaben an der Hochschule „richtig“ rechnen müssen, ohne Hilfe der CAS-Technologie. Alexander Krupp, Student der Fakultät [n] (4. Semester), unterstreicht: „Hier haben nur wenige einen solchen Rechner. Der ist eh nicht erlaubt. Es wird klar: Rechnen an der Schule ist etwas anderes als Rechnen an der Hochschule.

Referent Friedo Ach stellt folgende Thesen auf: Ein naturwissenschaftliches Studium bedeutet eine große Herausforderung für viele Studienanfängerinnen und -anfänger, da sie durch die Stundenanzahl und die Verwendung der CAS-Technologie mit klaren Trainingsdefiziten in der Mathematik an die Hochschule kommen. Ein Gefühl und Verständnis für Zahlen, Formeln und Rechenwege haben die Schülerinnen und Schüler nur eingeschränkt entwickelt.

Lehrende und Studierende der HAWK tauschen Erfahrungen und Perspektiven aus

Was nun? Die Fakultät muss den Lückenschluss mit den Schulen suchen, um die Studienanfängerinnen und -anfänger dort abzuholen, wo sie stehen. Oder umgekehrt? Müssen die Schulen die Mathematik-Trainingszeiten erhöhen, um Schülerinnen und Schülern den Weg in die MINT-Fächer zu erleichtern?

Und: Sind die Anforderungen an mathematische Fähigkeiten noch zeitgemäß oder muss die Hochschule umdenken? Um diese Fragen rankte sich der angeregte Austausch zwischen den Professorinnen und Professoren der HAWK, Lehrbeauftragten, Studierenden und Projektmitarbeiterinnen von LernkulTour.

Zusammenfassend lässt sich die Diskussion mit drei Punkten festhalten:

  • Mathematik-Training braucht mehr Raum, spätestens in der Hochschule. Diesen Raum muss die Hochschule schaffen, aber auch die Eigeninitiative der Studierenden ist gefragt. Denn trainieren heißt, selbst „schwitzen“.
  • Das Selbstverständnis der Hochschule steht auf dem Prüfstand. Angesichts verkürzter Schul- und Studienzeiten ist zu klären, wann sich wer in der Verantwortung sieht, Studierende mit dem nötigen Handwerkszeug für ein MINT-Studium zu befähigen.
  • Der intensivere Austausch zwischen Schulen und der Fakultät ist notwendig, denn die Lücke zwischen den Bildungsträgern ist nur durch gemeinsame Anstrengungen zu schließen.

Ergebnis der Diskussion: konkrete Handlungsempfehlungen

Folgende Konsequenzen für die Anpassung von Brückenangeboten und Lehrveranstaltungen im ersten Semester nahmen die Diskussionsteilnehmerinnen und -teilnehmer mit:

  • Umfassende Analyse der mitgebrachten Mathematikkompetenzen (nach der Analyse der Abiturienten nun auch andere Schulformen wie Berufsschule, Berufsoberschule, etc.).
  • Brückenkurse oder semesterbegleitende Angebote (Tutorien oder Crashkurs) müssen auf die heterogenen Voraussetzungen der Studienanfänger/innen eingehen.
  • Mehr anwendungsorientierte Mathematikaufgaben in Mathematik-Vorkursen anbieten anstatt „Pauken von Rechenwegen“.
  • Konsens innerhalb der Fakultät über den Gebrauch von Rechnertechnologien schaffen (einfache Taschenrechner, CAS-Technologie, selbstprogrammierter Laptop etc.).
  • Bereitstellung von Selbstlernmaterialien, damit Studienanfänger/innen eigenverantwortlich Lücken schließen können.

Diese Konsequenzen werden nun einerseits bei der Gestaltung der Studieneingangsphase in den HAWK-Fakultäten verfeinert, andererseits wird LernkulTour die Analyse der Mathekompetenzen und die Entwicklung von Selbstlernmaterialien bei den fachdidaktischen Mathe-Experten Friedo Ach und Michael Scharowsky (Lehrbeauftragter der Fakultät [b]) in Auftrag geben.

Projektbeteiligte Fakultät [n]:

Dekan Prof. Dr. Ralf Hadeler
Studiendekan Prof. Dr. Bernd Stock

Porjektbeteiligte LernkulTour:
Silke Neumeyer

Projektbericht zum Download [PDF]
Erscheinungsdatum: 19.07.2013