English Version | Intranet | Schnellzugriff

Architektenausbildung der ersten Klasse

"Nimmt man die Ergebnisse unseres Förderpreises zur Grundlage, dann gibt es in der Architektenausbildung in Niedersachsen offensichtlich eine Zwei-Klassen-Gesellschaft. Die erste Klasse bestreiten die Fachhochschule in Hildesheim und die Technische Universität Braunschweig, die zweite die anderen." Der dies sagt, weiß, wovon er spricht: Es ist Peter Stahrenberg, Präsident der Niedersachsischen Architektenkammer.

Die Hildesheimer Professoren hören solche Worte gern, schließlich richten sie ihre Lehre seit Jahren darauf aus, den Studenten nicht nur erstklassige Entwürfe zu entlocken, sondern sie ihre Pläne auch bis zur Baubarkeit durchdeklinieren zu lassen. Professor Jens Peter Fehrenberg, Dekan am Hildesheimer Fachbereich Architektur, zögert keine Sekunde bei der Frage, was die Hildesheimer Ausbildung von anderen unterscheidet: "Das Besondere bei uns ist das Projektstudium." Die Studenten arbeiten unter anderem mehrere Semester an einem Bauvorhaben und dabei werden die einzelnen Phasen interdisziplinär angeleitet. Das heißt, dasselbe Thema wird von einem Entwurfsprofessor, von einem Städteplaner, von einem Professor für Baukonstruktion, von einem Tragwerksplaner und von einem Haustechniker betreut.

Das Ergebnis sind Absolventen, deren Entwürfe realitätstüchtig sind, und das spricht sich herum. Kleiner Fachbereich mit großem Ruf: Die Architektenausbildung an der Fachhochschule in Hildesheim wird inzwischen bundesweit gerühmt, Studenten räumen Preise ab, die Professoren werden für die Qualität ihrer Lehre gelobt und Absolventen in renommierten Büros von Berlin bis München eingestellt.

Niedersachsenweit gibt es insgesamt sieben Standorte, um Architektur zu studieren. Während die meisten anderen um Studenten werben, müssen die Hildesheimer Ablehnungen verschicken. "Wir wollen keine Massenausbildung, sondern Qualität", sagt Professor Bernd Sammann. 40 junge Leute werden durchschnittlich pro Semester aufgenommen.

Rund 450 Studierenden stehen 16 Professoren gegenüber, die aus Überzeugung niedersachsenweit die höchste Stundenzahl in der Lehre anbieten, erläutert Sammann. Doch das allein reicht nicht, um Preisträger hervorzubringen. Den Hildesheimern ist wichtig, dass die Studenten ihr Handwerk beherrschen: Ein Schwerpunkt der Ausbildung wird auf die technischen Fächer wie Bautechnik, -konstruktion und –physik gelegt. Sammann umreisst eine Leitlinie des Fachbereichs ganz praxisnah: "Selbst für den schönsten Entwurf, muss man wissen, wie man ihn baubar und finanzierbar macht."

Diese Arbeitsweise weiß auch der Architektenkammerpräsident Stahrenberg zu schätzen: "Die Hildesheimer bilden besser aus als andere." Die Kammer hat, wie berichtet, Anfang November den beiden Absolventen Danny Schroeder und Axel Neubauer den Studentenförderpreis 2000 übergeben. Zwei weitere Hildesheimer Entwürfe landeten auf dem dritten Platz, der Fachbereich hat als bester seiner Art eine Belobigung samt Geldpreis von 4000 Mark bekommen und das nicht zum ersten Mal.

Auch im vergangenen Jahr, meldet die Statistik der Architektenkammer, gingen Preise und Belobigung an Hildesheimer. 1996 besetzten sie den ersten und den dritten Platz und wieder: Belobigung für den Fachbereich. "Praxisnahes Studium" ist der Schüssel zum Erfolg. "Praxisnah ausgebildete Leute sind die, die wir im Beruf brauchen", sagt denn auch Stahrenberg.

Doch nicht nur die Architektenkammer, auch der Baugewerbeverband Niedersachsen ehrt immer wieder Hildesheimer Absolventen. So hat zum Beispiel Dagmar Hühl in diesem Jahr den ersten Platz beim Förderpreis des niedersächsischen Baugewerbes im Fach Architektur gewonnen. Seit 1991 stellte die Fachhochschule außerdem vier Mal den zweiten und zwei Mal den dritten Sieger. Bei einem so genannten Ranking des Studienführers Start der Zeitschrift Stern Anfang dieses Jahres liegt die Hildesheimer Architektenausbildung unter dem Stichwort "Studium und Lehre" von 39 bundesdeutschen Fachhochschulen immerhin an sechster Stelle.

Und auch die Studenten wissen Qualität zu schätzen, wenn sie auch einiges für ihr Fortkommen tun müssen. Wolf Stobbe aus Hannover hat Elektriker gelernt und ist über den zweiten Bildungsweg ganz gezielt zur Fachhochschule in Hildesheim gegangen. "Die von der Uni machen die dollsten Entwürfe und wissen hinterher nicht mal wie ein Balkonanschluss gemacht wird", sagt der 35-Jährige. Und auch die Warnung eines ehemaligen Absolventen, Architektur in Hildesheim sei eine "Knochenmühle", hat ihn nicht abgeschreckt. Jetzt arbeitet er ebenso wie seine 25-jährige Kommilitonin Inga Hagen aus Alfeld an seinem Diplomentwurf im Arbeitssaal für Diplomanden, Hohnsen 2, zweite Etage.

Inga Hagen mag besonders die gute Athmosphäre am kleinen Fachbereich. Die Professoren kennen ihre Studenten, was keine Selbstverständlichkeit ist. Hagen und Stobbe haben sich selbst durch die "Darstellende Geometrie" gekämpft. Wer dies Fach nicht beherrscht ist zwar nicht gleich ein schlechter Architekt, aber auch in unbequemen Fächern muss gepaukt werden, ist das Credo der Professoren und der einen Professorin. Die Studenten sollen halt auf allen Gebieten sattelfest sein.

So heben zum Beispiel auch die Gutachter der Zentralen Evaluations- und Akkreditierungsagentur (ZEvA) in Hannover positiv hervor, dass die Fachhochschule in Hildesheim "ein breit angelegtes Fachangebot zum klassischen Architekten anbietet und bewusst auf Spezialisierungen verzichtet", erläutert Hermann Reuke, der Geschäftsführer der Agentur. Die ZevA ist eine seit 1995 bestehende gemeinsame Einrichtung aller niedersächsischen Hochschulen zur Bewertung (Evaluation) von Lehre und Studium. Finanziert wird sie vom Land und ist gerade dabei, den so genannten Evaluationsbericht über alle niedersächsichen Architektur-Fachbereiche fertig zu stellen. Als weiteren Pluspunkt wird in dem Bericht dann laut Reuke vermerkt sein, dass "der Studienplan der Architekten in Hildesheim straff organisiert ist, was kurze Studienzeiten zur Folge hat".

Zurück zur letzten Seite