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Physik-, Mess- und Feinwerktechnik feiert 10. Geburtstag

Zehn Jahre fruchtbare Allianz zwischen Wirtschaft und Wissenschaft: Physik-, Mess- und Feinwerktechnik (PMF), Göttinger Fachbereich der Fachhochschule Hildesheim/Holzminden/Göttingen, feiert Geburtstag

Wenn eine Idee, eine Notiz, viel unternehmerischer Ehrgeiz und ein Rektor mit Gestaltungswillen aufeinander treffen, dann kann daraus durchaus eine ganze Hochschule neuen Typs entstehen. PMF ist so eine Erfolgsgeschichte, wenngleich die Ergebnisse, die heute gefeiert werden können, natürlich nicht einfach vom Himmel gefallen sind. PMF steht für Physik-, Mess- und Feinwerktechnik in Göttingen, ein Fachbereich der Fachhochschule Hildesheim/Holzminden/Göttingen, der in dieser Woche zehn Jahre alt wird, in den das Land Niedersachsen rund 45 Millionen Mark investiert hat und der mit 17 Professoren Ingenieure für die optische Industrie weit über die Region Göttingen hinaus ausbildet.

Die Idee entstand aus unternehmerischem Ehrgeiz eines zielstrebigen Vorstandsvorsitzenden und außerplanmäßigen Professors für Physik an der Universität Hannover und nützt heute vielen. Professor Dr. Gerd Litfin, Chef der heutigen Linos AG, damals das Göttinger Unternehmen Spindler & Hoyer, holte Ewald Gevert (Fischer und Porter), Ernst Ruhstrat von der Firma Ruhstrat und Herbert Freyhardt (Universität Göttingen) an einen Tisch. Man war sich einig, dass zu florierenden Unternehmen der Messtechnik und optischen Industrie erstklassige Nachwuchsingenieure mit spezifischem Profil gehören, dass auch die naturwissenschaftlichen Institute der Universität Göttingen ebenso wie die Forschungsinstitute solche Leute dringend brauchen und dass nur im Verbund die gesamte Region wirtschaftliche Schlagkraft bekommen kann. Die Hochschulen, die eine Ausbildung mit der passenden Prägung anboten – es war Mitte der Achtziger Jahre – lagen in Lübeck, Wilhelmshaven und Kassel und mithin zu weit weg für gedeihliche Kooperationen.

Die Notiz im Göttinger Tageblatt, verfasst vom inzwischen verstorbenen Redakteur Michael Bockemühl, kam im passenden Moment. Bockemühl, um die Wünsche der Firmenchefs wissend, hatte bei einer Veranstaltung in Hildesheim aufgehorcht, wo der damalige Rektor der Fachhochschule Hildesheim/Holzminden, Prof. Dr. Klaus Below, von Erweiterungsplänen der Hochschule in Richtung Maschinenbau gesprochen hatte. Das Tageblatt veröffentlichte besagte Notiz, die wiederum Litfin die Grundlage bot, das Gespräch mit Below zu suchen. Dieser zeigte sich äußerst aufgeschlossen, das Wissenschaftsministerium ebenfalls.

Die Göttinger Unternehmer ermittelten in einer Studie bei 14 Firmen einen Bedarf an 500 Ingenieuren in fünf Jahren, eine so genannte Denkschrift mit Inhalten und Zielen des Studienangebots wurde mit Hilfe des Instituts für Strukturforschung und Entwicklungsplanung in Hannover erarbeitet. Das besondere am neuen Konzept: ein Studienangebot im Praxisverbund, das heißt, die Studierenden sind gleichzeitig Lehrlinge in Unternehmen und absolvieren während des Studiums eine betriebliche Ausbildung. Die Industrie- und Handelskammer, die sich zwar der Förderung von Berufsakademien gewidmet hatte, war jedoch so überzeugt von der geplanten Ausrichtung, dass sie als Unterstützer der FH gewonnen werden konnte. Der Wissenschaftsrat hatte sich ohnehin die Förderung der Fachhochschulen auf die Fahne geschrieben.

Zur Zitterpartie wurde kurzfristig noch die Frage, ob so ein Fachbereich besser in Hildesheim als in Göttingen aufgebaut werden solle. Zum einen hatten Hildesheimer Unternehmen auch Interesse angemeldet, zum anderen stand die Frage an, ob die ebenfalls in Göttingen angesiedelte Försterausbildung der Fachhochschule nach Hannoversch-Münden verlagert werden sollte. "Nur beide Fachbereiche gemeinsam in Göttingen zu führen war aus Hochschulsicht sinnvoll", sagt Prof. Dr. Johannes Kolb, der jetzige Präsident der Hochschule. Gerd Litfin weiß es noch wie heute: "Am 28. Februar 1990 kam der Anruf aus dem Wissenschaftsministerium mit der Nachricht: ‚Kein Zweifel mehr am Standort Göttingen‘." Zwei Jahre später nahm die Errichtungskommission ihre Arbeit auf.

Nach einiger Suche wurden nicht eben luxuriöse Räume hinter dem Göttinger Bahnhof bezogen. Einer der Aufbau-Pioniere, Prof. Dr. Thomas Hirschberg, erinnert sich: "Wir hatten ein Telefon und mussten zum Kopieren in die benachbarte Schule gehen. Unsere ersten zwölf Studierenden konnten wir morgens noch einzeln begrüßen und die wenigen Kabel konnten wir noch durch die Farbe unterscheiden." Die Hochschule, die die heute 17 Professorenstellen nicht zusätzlich vom Land bekommen, sondern durch internes Management erwirtschaftet hat, beschloss noch einen weiteren Schritt: Das Studienangebot wurde neben dem Praxisverbund für alle Interessenten geöffnet. PMF war Mitte der neunziger Jahre ein funktionierender Fachbereich. 1997 hatte dann auch die Raumnot ein Ende. Der Neubau auf dem Gelände der ehemaligen Zietenkaserne konnte bezogen werden.

Im September 2000 empfing der damalige Dekan, Prof. Dr. Klaus Bobey, die ersten Studierenden des neuen Studiengangs Präzisionsfertigungstechnik, für den im vergangenen Jahr der Neubau fertiggestellt werden konnte. Inzwischen ist auch der Master-Studiengang Optical Engineering/Photonics installiert. Der Fachbereich bietet daneben heute Physiktechnik, Informatik, Elektrotechnik, Feinwerktechnik und Präszisionsfertigungstechnik und kann eine Auslastung von etwas mehr als 95 Prozent aufweisen, was laut Präsident Johannes Kolb für "ein naturwissenschaftlich und hochtechnologisch ausgerichtetes Angebot eine im bundesweiten Vergleich außerordentlich hohe Zahl ist".

Wissenschaftsminister Thomas Oppermann, ausgewiesener Förderer der Allianz zwischen regionalen Unternehmen und Wissenschaft in Göttingen, hat Ende Februar dieses Jahres das Institut für Mechatronik und angewandte Photonic am Fachbereich Physik-, Mess- und Feinwerktechnik eröffnet und der Fachhochschule ein weiteres Mal eine in Niedersachsen ungewöhnliche Dynamik bescheinigt. Mit dieser Neugründung sei sie Dienstleister für kleinere und mittlere Unternehmen, die sich keine eigene Forschungsabteilung leisten können und genau das ist es auch, was der Linos-Vorstandsvorsitzende und Vorsitzende des PMF-Fördervereins hervorhebt: "Wir haben unser Ziel erreicht und können Forschungs- und Entwicklungsprojekte in Kooperation mit Hochschullehrern abwickeln. Die Absolventen sind in der Wirtschaft bundesweit heiß begehrt. Die Hochschule und die Region befruchten sich gegenseitig."

Doch "Ziel erreicht" heißt bei Männern wie Litfin oder Oppermann nicht "Zurücklehnen". Oppermann hat schon angekündigt, dass das Land beabsichtigt, den ehemaligen Exerzierplatz gegenüber dem Hochschulgebäude an der Von-Ossietzky-Straße als Option auf Erweiterungen zu kaufen, Litfin unterstützt die Idee des Fachbereichs, das Ausbildungsangebot in Richtung Wirtschaftsrecht auszudehnen. Der heutige Dekan des Fachbereichs PMF, Prof. Dr. Frank Gräfe, umreißt die Pläne: "Unsere neuen technischen und personellen Möglichkeiten erlauben es uns, in der nächsten Zeit verstärkt die angewandte Forschung auf den Gebieten Photonics, Feinwerktechnik/-Präzisionsfertigungstechnik und Elektrotechnik/Informatik voranzutreiben. Parallel dazu arbeiten wir weiter an der Internationalisierung unserer Studienangebote. Neben Bachelorstudiengängen streben wir je einen Masterstudiengang in den Gebieten Maschinenbau und Informatik an. Die Kontakte zu ausländischen Hochschulen, Forschungskooperationen, der Austausch von Hochschullehrerinnen und Hochschullehren sowie von Studierenden werden intensiv vorangetrieben.

Für den gesamten Fachhochschulstandort Göttingen ist es erforderlich, Studienangebote zu Wirtschaftsrecht/internationales Wirtschaftsrecht und internationalem Management zu entwickeln, die eigenständig und in Kombination mit den bestehenden technischen Studiengängen eine Ausbildung bieten, wie sie von jungen Menschen erwartet wird und die Absolventen hervorbringt, die von den Unternehmen nachgefragt werden."

Die Industrie, der Förderverein und der Fachbereich blicken in die nächste erfolgversprechende Dekade. "Die ersten zehn Jahre jedenfalls haben sich gelohnt", sagt Litfin, " die Industrie setzt weiter auf die fruchtbare Allianz mit der Wissenschaft."

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