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Göttinger Rezept gegen Pisa-Schock

Otto-Hahn-Gymnasiasten forschen im Millionen-Projekt der Fachhochschule

Der schiefe Turm hat ausgedient. Wenn in deutschen Landen derzeit das Stichwort Pisa fällt, lächelt fast niemand mehr über ein skurriles Bauwerk. Die so genannte Pisa-Studie ist das allgegenwärtige Thema, genauer gesagt, die Tatsache, dass deutsche Schüler international zu den Schlusslichtern in Sachen Bildung gehören. Allerorten wird mehr oder weniger hektisch nach Rezepten gesucht, die die schulischen Leistungen im Land der Dichter und Denker wieder auf die vorderen Plätze bringen könnten. Bundesweit beispielhaft dürfte dabei ein Projekt des Göttinger Otto-Hahn-Gymnasiums mit dem Fachbereich Physik-, Mess- und Feinwerktechnik (PMF) der Fachhochschule Hildesheim/Holzminden/Göttingen sein. Das Besondere daran: Schüler gehen nicht nur in wissenschaftliche Labore, sondern dürfen, begleitet von Studierenden und Wissenschaftlern, selbst forschen. Und das nicht mit dem Physikbaukasten, sondern in einem millionenschweren Forschungsprojekt zur Plasmaoberflächenbehandlung von Holz.

Nach den alarmierenden Ergebnissen der Pisa-Studie stehen nämlich unter anderem die althergebrachten Darreichungsformen für Wissen und Inhalte auf dem Prüfstand. Die Naturwissenschaften als Kurz- oder Nebenfächer drohen beispielsweise als Stiefkinder im Fächerkanon zu verkümmern, wenn es der Schule heutzutage immer weniger gelingt, ihren auf Konsum gepolten Zöglingen besondere Anstrengungen schmackhaft zu machen. Attraktive und zeitgemäße Angebote müssen her, dann sind die Schüler auch bereit, viel Zeit und Energie ins Lernen zu investieren, hat sich die Schulleitung des Otto-Hahn-Gymnasiums in der Leineaue gesagt und das Kooperationsangebot von Professor Dr. Wolfgang Viöl angenommen.

Nun spielt der Hochschulstandort Göttingen mit seinen bundesweit für Aufsehen sorgenden und vom Wissenschafts- und Kultusministerium vorangetriebenen Projekten X-LAB und School-LAB – Schüler lernen in Laboren – ohnehin schon bildungspolitisch in der ersten Liga. Das Projekt zwischen Otto-Hahn-Gymnasium und Fachhochschule fügt dem aber noch einen weiteren Aspekt hinzu: Die Schüler forschen nicht um des Forschens willen, sondern sie müssen und wollen praxistaugliche Ergebnisse erzielen. Es geht um den Naturwerkstoff Holz, der als nachwachsender und CO2-speichernder Rohstoff leicht und energiesparend zu verarbeiten ist, aber nach Ansicht von Professor Viöl noch viel zu wenig eingesetzt wird. Der Grund dafür liegt in dem noch mangelhaften Schutz gegen Witterungs- beziehungsweise Feuchtigkeitseinflüsse beim Einsatz von Holz im Außenbereich, aber auch im Innenbereich als Fußboden. Viöl hat am Fachbereich PMF ein weltweit neues Verfahren zur Oberflächenbehandlung von Holz entwickelt, mit dem die Haltbarkeit um bis zu 70 Prozent gesteigert werden kann. Die Forschung zur so genannten Plasmaoberflächenmodifikation wird von der VW-Stiftung, der Europäischen Union und mehreren Industriebetrieben finanziell gefördert, mehrere nationale und internationale Patente sind angemeldet oder bereits erteilt. Das Plasma zur Bearbeitung von Holzoberflächen wird – ähnlich wie in der Leuchtstoffröhre – durch eine Gasentladung (hier jedoch bei Atmosphärendruck) erzeugt.

Die acht Schüler und sieben Schülerinnen aus der naturwissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaft des Otto-Hahn-Gymnasiums arbeiten dabei mit Studierenden und wissenschaftlichen Mitarbeitern der Hochschule an verschiedenen Teilprojekten des Forschungsvorhabens. So entwickelt eine Gruppe eine neuartige Plasmapistole, die auch Heimwerkern eine Holzbehandlung nach dem neuen Verfahren ermöglichen soll. Eine andere Gruppe probiert ein "Plasmabügeleisen" zur Holzkonservierung aus. Eine dritte testet das Verleimen von Holzarten, die bisher als unverleimbar galten, zum Beispiel die Akazie.

Der 17-jährige Sebastian Wagner aus der 11. Klasse beispielsweise will an der Plasmapistole arbeiten. Ihn reizt nicht nur, dass seine Leistung vielleicht einmal international Furore machen könnte, sondern auch, dass das Ziel so "handgreiflich" ist. Die stellvertretende Schulleiterin und Projektkoordinatorin am Otto-Hahn-Gymnasium, Mary Feger, sieht die Sache aus pädagogischer Sicht noch differenzierter: "Das Projekt beflügelt den Unterricht, weil die neuesten Forschungsmethoden ins Klassenzimmer einziehen. Hier erarbeiten Lehrer und Schüler die Grundlagen für die Tätigkeit an der Hochschule." Die Verknüpfung von Theorie, Forschung und betriebswirtschaftlicher Orientierung bei der Produktentwicklung hält sie als Lehr- und Lernstoff für immens wichtig und aus Sicht der Schüler für ebenso reizvoll.

Kurz vor dem Jahreswechsel bevölkerte die Schülergruppe unter Leitung von Fachlehrer Dr. Erhard Irmer zum ersten Mal das Plasma- und Laserlabor der Fachhochschule für erste Sondierungsarbeiten. Anfang Februar beginnt die heiße Phase: Im Rahmen ihres Betriebspraktikums setzen die Schüler ihre Forschungsarbeiten dann nicht nur zusätzlich zum Unterricht, sondern für zwei Wochen als "Fulltime-Job" fort. Auch danach werden die Jungforscher häufig auf den Zietenterasse die Köpfe zusammen stecken, denn in der zwölften Klasse wird sich ihre Facharbeit um das Thema Plasmabehandlung von Holz drehen.

Das Otto-Hahn-Gymnasium jedenfalls tut seinen Teil, damit beim Stichwort Pisa der schiefe Turm wieder zu seinem Recht kommt. Das Gymnasium, das bis dato den Ruf hatte, besonders musischen Interessen gerecht zu werden, hat es geschafft als eine von bundesweit nur 35 Schulen in den vom Bund Deutscher Arbeitgeber initiierten Verein "Mathematisch-naturwissenschaftlicher Excellence-Center" aufgenommen zu werden. Voraussetzungen dafür sind unter anderem die Verzahnung von Unterrichtsinhalten mit ökonomischem Denken durch Einsatz moderner Medien und Methoden sowie fächerübergreifende Projektarbeit. Ein wichtiges Kriterium ist außerdem die Zusammenarbeit mit Forschungs- und Wissenschaftseinrichtungen sowie der Wirtschaft.

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