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Brillen können im Sommer Hautrötungen verursachen

Professoren der Fachhochschule Hildesheim/Holzminden/Göttingen lösen Problem: Gläser reflektieren und bündeln seitliche UV-Strahlen

(Hildesheim/Göttingen)- Warum Brillen Hautrötungen hervorrufen können – zwei Professoren der Fachhochschule Hildesheim/Holzminden/Göttingen haben jetzt ein Problem gelöst, das bei vielen Brillenträgern für Schmerzen und Kopfzerbrechen sorgen dürfte: Die Gläser können seitliche UV-Strahlung bündeln und reflektieren. Betroffener fordert Schmerzensgeld von Optiker und Hersteller.

Professor Dr. Lutz Finkeldey (49) der an der Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit in Hildesheim lehrt, ist Brillenträger. Zu seiner ohnehin vorhandenen Sehschwäche kam altersbedingte Weitsichtigkeit hinzu, woraufhin er sich auf Anraten seines hannoverschen Optikers zur Anschaffung einer praktischen Gleitsichtbrille entschloss. Zunächst lief auch alles bestens, Finkeldey bekam die neue Brille, und konnte in jeder Hinsicht besser sehen. Es war Winter, er benutzte sie vornehmlich drinnen. Im darauf folgenden Sommer aber stellten sich nach kürzester Zeit Hautrötungen am unteren Brillenrand ein, sobald er sich bei Sonnenschein draußen aufhielt. Seine hannoversche Hautärztin, Dr. Susanne Lütge, stufte die Rötungen nach einem ergebnislos verlaufenen Allergietest schließlich als Verbrennungen ein. Sowohl die Hautärztin als auch Finkeldey selbst wandten sich an den Augenoptiker und die Herstellerfirma der Gläser, Essilor Deutschland, und baten um Klärung des Phänomens.

Eine Mitarbeiterin von Essilor, die bei der Firma für die „Beratung Augenärzte“ zuständig ist, bot verschiedene Überlegungen an:

  1. „Die meisten Kunststoffe (die für Brillengläser Anwendung finden) haben von Hause aus einen guten UV-Schutz, und Verbrennungen an der Haut treten immer verstärkt direkt am Rand auf (Bikinirand).“
  2. „Denkbar ist auch, dass das Brillenglas wie ein Brennglas wirkt, da ja die Glasstärke für den Nahbereich in der Regel eine vergrößernde Wirkung hat. Diesem Punkt ist möglicherweise durch eine Veränderung des Sitzes der Brille entgegenzuwirken. Die Brille müsste im unteren Bereich näher gesetzt werden, der Augenoptiker kann dies durch eine Veränderung der Inklination der Fassung ausführen.“
  3. „Dadurch würden auch die Strahlen anders gelenkt, die evtl. aus dem unteren Glasrand (randlose Fassung) austreten.“

Ohne genaue Kenntnis der Glasstärken, der Scheibenform und des Glasmaterials könne sie jedoch nur Vermutungen anstellen. Der Patient, Professor Finkeldey, möge auch seinen Augenoptiker aufsuchen. Gerne werde sie mit diesem dann auch Rücksprache nehmen, denn es sei im Sinne der Firma, dass der Brillenträger mit Essilor-Gläsern zufrieden sei.

Bei dem hannoverschen Optiker hatte Finkeldey mit seinem Problem ohnehin schon häufiger vorgesprochen. Die Hautrötungen auf den Jochbeinen hatte dieser sich auch nach Rücksprache mit dem Hersteller nicht erklären können und die Brille zur Sicherheit vor den Sommerferien nach Braunschweig geschickt, wo die Firma Essilor eine Niederlassung betreibt. Dort wurden jedoch keine Beanstandungen gefunden. Als Ergebnis aller Überprüfungen wusste Finkeldey am Ende lediglich, dass UV-Strahlen das Glas nicht durchdringen könnten, und auch ein Lupeneffekt im Sinne eines Brennglases ausgeschlossen sei.

Finkeldey wusste sich keinen Rat mehr, bis ihm einfiel, dass an seiner eigenen Hochschule am Standort Göttingen auch Physiker lehren. Er wandte sich mit seinem privaten Anliegen an Professor Dr. Wolfgang Viöl (43) am damaligen Fachbereich Physik-, Mess- und Feinwerktechnik, heute Fakultät Naturwissenschaften und Technik. Dieser lud ihn ein, für eine umfassende Untersuchung nach Göttingen zu kommen. Das Resultat war erstaunlich nahe liegend, aber bisher von niemandem in Betracht gezogen worden. Professor Viöl stellte mit Hilfe einer Spektrographen-Messung fest, dass die Brille tatsächlich keine UV-Strahlen durchlässt, die von vorn auf das Glas treffen. Dass sie aber, begünstigt durch ihre Form und die relativ großen Gläser, Sonnenstrahlen, die von hinten beziehungsweise seitlich in die Brille fallen, gebündelt und mit einer vielfachen Intensität auf die Haut reflektiere. Viöls Analyse: „Je größer die Dioptrienzahl einer Brille ist, desto höher ist der Bündelungsfaktor. Die Größe und geometrische Form der Gläser sowie deren Entfernung vom Auge entscheiden darüber, ob eine Brille Sonnenbrand verursachen kann.“ Beim Problem des Kollegen Finkeldey sei die Funktion der Gläser quasi nur von vorn nach hinten untersucht worden. Folgen einer Einstrahlung von hinten seien schlicht und ergreifend nicht bedacht worden. Auftreten könnten die Hautrötungen bei nahezu jeder Brille, unabhängig von der Art der Sehschwäche und Gläser, stellt Viöl fest. Denn im Allgemeinen sei eine Brille auf der Innenseite so geformt, dass sie von hinten kommendes Licht bündele.

Nach Ansicht von Finkeldey sollte ein Optiker oder der Hersteller solch unangenehme und schmerzhafte Effekte aber kennen und den Kunden bei der Wahl der Gläser und des Brillengestells auf die Gefahr aufmerksam machen. Der Sozialpädagogik-Professor schaltete einen Rechtsanwalt ein, der den Optiker aufforderte, in Abstimmung mit dem Hersteller die offensichtlich ungeeigneten Gläser kostenlos durch mangelfreie zu ersetzen. Außerdem forderte er aufgrund der Verbrennungen im Gesicht seines Mandanten ein Schmerzensgeld.

Bis heute haben weder der Optiker noch die Firma Essilor reagiert. Das Risiko eines Prozesses wollte Lutz Finkeldey jedoch nach all den Unannehmlichkeiten nicht auch noch auf sich nehmen. Bei einem anderen Optiker hat er unterdessen nach den Vorgaben Viöls eine kleinere, enger am Gesicht liegendere Brille bestellt.

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