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Peine arbeitet seit einem Jahr erfolgreich mit Hildesheimer Strategie gegen Schulschwänzen

Studierende an der Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit der Fachhochschule stellen Forschungsergebnisse vor

In Nürnberg werden aufgegriffene Schulschwänzer von der Polizei ins Klassenzimmer eskortiert. Peine hat mit dem Konzept "Pe-Scout" einen anderen Weg gewählt. Ein Konzept, das an der Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit der Fachhochschule Hildesheim/Holzminden/Göttingen entwickelt wurde.

Der "Pe-Scout" basiert auf einer Diplomarbeit mit dem Titel "Und morgen geh ich wieder hin…" der beiden Hildesheimer Jörg Karsten Piprek und Thorsten Ukena, deren Herzstück eine Problemlösungsstrategie zur Verhinderung von notorischem Schwänzen ist. Grundgedanke der Strategie ist die Erkenntnis, dass Jugendhilfe und Schule bisher zu wenig vernetzt sind. Um dem Abhilfe zu schaffen, ist als Ausgangspunkt ein aufwändig gestaltetes Plakat entwickelt worden, das in Schulen ausgehängt und im Unterricht besprochen wird. Das Besondere daran ist, dass es erstmals alle regionalen Institutionen und Ansprechpartner der Jugendhilfe systematisch nach Problemfeldern auflistet. Die Problemfelder selbst sprechen Jugendlichen aus dem Herzen. Unter Überschriften wie "Konflikte in der Schule", "Stress in der Familie", "Schulden" oder "Kriminalität" werden Sorgen und Nöte in einer eigenen Spalte direkt aufgegriffen: "Ich ertrage den Streit meiner Eltern nicht mehr" oder "Keiner kümmert sich um mich", heißt es da. Daneben sind die entsprechenden Hilfsangebote aufgeführt.

Stadt und Landkreis Peine haben den "Pe-Scout" vor einem Jahr eingeführt. Motor des Projektes war Monika Schweda, die Leiterin der Peiner Kreisvolkshochschule. Sie hat alle Beteiligten aus Schulen, Jugendhilfe und Elternschaft an einen Tisch geholt und auf das gemeinsame Ziel eingeschworen. Ein Workshop zum Thema "Pe-Scout" wurde von den Leitern der jeweiligen Einrichtung zur Pflichtveranstaltung für Lehrer und Mitarbeiter deklariert, um das Projekt bekannt zu machen. Das Ergebnis: 32 von 34 Schulen haben das Konzept übernommen. 800 Info-Poster haben ihren Platz in den Schulen bekommen.

"Dieses klare Bekenntnis der obersten Hierarchieebenen war ein ganz wichtiger Aspekt des Peiner Erfolges", sagte Professor Dr. Maria Busche-Baumann von der Fachhochschule jetzt in Peine bei der Vorstellung der Untersuchungsergebnisse nach einem Jahr. Gemeinsam mit ihren sechs Studierenden Sonja Westermann, Christina Haas, Anja Kuhlmann, Christian Kohne, Maria Jäger und Simone Huber hat sie sowohl eine schriftliche Umfrage unter den beteiligten Schulen als auch eine genauere Untersuchung an vier ausgewählten Schulen durchgeführt. Dabei ging es um qualitative Ergebnisse, und nicht um Zahlen.

Aus allen Schulen sei die Botschaft gekommen, Probleme der Schüler seien nicht länger Tabu-Thema - weder für die Betroffenen, noch für die Lehrer. So fasste auch der 1. Peiner Kreisrat, Wolfgang Kieswetter, zusammen: "Ein Auffangnetz, das öffentlich aushängt, gibt Sicherheit." Für die Lehrer habe die Arbeit mit dem "Pe-Scout" einen erheblichen Zeitaufwand bedeutet, haben die Studierenden ermittelt. Den hätten sie aber gern in Kauf genommen, weil sie im Rahmen einer Handlungsstruktur und gemeinsam agieren konnten, und nicht alleingelassen im luftleeren Raum. "Die viel beschworene Müdigkeit und Verdrossenheit von Lehrern konnten wir nicht feststellen, im Gegenteil", betonte Busche-Baumann. Auch der erwünschte Effekt, nämlich eine intensivere Zusammenarbeit zwischen Jugendhilfe und Schule, sei erzielt worden. Weil auch die Lehrer den "Pe-Scout" als Hilfestellung genutzt hätten. Das Jugendamt als strafende und richtende Instanz gehöre in Peine endgültig der Vergangenheit an, bestätigt auch Kreisrat Kieswetter.

Die Schlussfolgerungen der Forscher und Praktiker aus dem positiven Peiner Ergebnis gehen jetzt in drei Richtungen: Der "Pe-Scout" soll modifiziert auch für andere Zielgruppen wie Grundschulkinder, weiterentwickelt werden. Außerdem schlagen die Studierenden "Schulpaten" vor. Mitbürger sollten ihr Wissen und ihre Erfahrungen in die Klassen tragen. Beispiel Magersucht oder Bulimie: Wer eine solche Sucht erfolgreich überwunden hat, kann Jugendliche ganz anders aufmerksam machen und informieren. Das dritte Ergebnis der Analyse liegt besonders der Professorin für Didaktik in der Sozialen Arbeit, Busche-Baumann, am Herzen: "Lehrer und Mitarbeiter der Jugendhilfe sollten gemeinsam fachliche Fortbildungen besuchen, damit sie sich in ihrer Arbeit besser unterstützen können."

Die Ergebnisse der Untersuchung "Ein Jahr ‚Pe-Scout'" wird Maria Jäger in ihrer Diplomarbeit zusammenfassen, einer Fortsetzung des Hildesheimer Ursprungs. Bekannt geworden ist die Problemlösungsstrategie unterdessen auch über die Grenzen von Hildesheim und Peine hinaus. Der Landesverband der Volkshochschulen hat das Projekt verbreitet. Erste Reaktion ist eine Einladung an Monika Schweda nach Luzern in der Schweiz. Sie soll es dort auf einem Kongress vorstellen.

Bildunterschrift:

Vor dem Info-Plakat, dem Herzstück des "Pe-Scouts": (v.l.n.r.) Christian Huber, Wolfgang Kieswetter, Sonja Westermann, Maria Busche-Baumann, Monika Schweda, Maria Jäger, Anja Kuhlmann und Christian Kohne.

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