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400 Hildesheimer gehen jede Woche in die Kaltessenausgabe - was ist geschehen?

HAWK legt Ergebnisse eines Forschungsprojektes mit der Gemeinde Guter Hirt als Broschüre vor

Die Broschüre über das Forschungsprojekt.

Präsentation in der Kirche: Die HAWK stellt das Forschungsprojekt und die Broschüre vor; (v.l.n.r.) Prof. Dr. Maria Busche-Baumann,  Studentin Tatjana Blum, Doktorand Holger Nieberg, Studentin Leila Hussein und Designerin Carolin Taebel.

350 Euro pro Monat ist der Regelsatz eines Hartz-IV-Empfängers pro Monat. 4 Euro 28 Cent sind für die tägliche Ernährung einkalkuliert. Reicht das zum Leben oder reicht es nicht? Fest steht eines: Inzwischen besuchen jede Woche rund 400 Menschen die Kaltessenausgabe im Gemeindeteil Guter Hirt der katholischen Pfarrgemeinde Maria Lichtmess in Fahrenheit. Seit zehn Jahren gibt es dieses Hilfsprogramm. Noch nie kamen so viele Hilfsbedürftige. Zweimal wöchentlich – jeden Mittwoch- und Freitagvormittag – werden gegen einen Euro Tüten mit Lebensmitteln ausgegeben, die der Gute Hirt allein aus Spenden bezieht.

Warum werden es immer mehr, wollte Diakon Wilfried Otto wissen und wandte sich an die HAWK.  17 Studierende haben sich im Rahmen einer Forschungswerkstatt unter der Leitung von Prof. Dr. Maria Busche-Baumann, Dekanin der HAWK-Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit, und Holger Nieberg, Doktorand der HAWK und Universität Hildesheim, mit dem Thema beschäftigt.

Jetzt liegen die Ergebnisse vor. Diplom-Designerin Carolin Taebel, an der HAWK für das Corporate Design zuständig, hat sie als aufwändige Broschüre gestaltet, deren Druck der Gute Hirt finanziert hat. Das Heft macht von ferne einen fast fröhlichen, lockenden Eindruck. Von Nahem lässt die Überschrift die Freude gefrieren: „ …weil ich nie gedacht hätte, dass es mal soweit kommen würde.“ Aber dann liegt die Broschüre schon in der Hand und „schreit“ nach Aufschlagen. Drinnen steht viel von Menschen mit ganz unterschiedlichen Schicksalen. „Elf Menschen, die irgendwann in ihrem Leben eine falsche Entscheidung getroffen haben – oder einfach nur Pech hatten. Die krank geworden sind, die der Partner verlassen hat oder die entlassen wurden, weil sie zu alt waren“, fasst Maria Busche-Baumann in ihrer Rede bei der Vorstellung des Forschungsprojektes zusammen.

Es ging um die Frage, was immer mehr Menschen bewegt, die Kaltessenausgabe des Guten Hirt zu besuchen. „Wir hatten immer wieder versucht, einen näheren Kontakt mit ihnen aufzubauen“, berichtet Diakon Otto bei der Projektpräsentation in den Kirchenräumen, „aber wir sind schnell und häufig daran gescheitert. ‚Da will mich jemand kontrollieren’, war offenbar die Sorge.“

Die Gruppe um Maria Busche-Baumann begann zunächst, ehrenamtlich bei der Essenausgabe zu helfen und bekam dann – vermittelt durch zwei Sozialarbeiterinnen – die Möglichkeiten für Gespräche. Die Untersuchung folgt dem Konzept der so genannten lebensweltorientierten Sozialen Arbeit. Ziel dabei ist, nicht nur Probleme, sondern auch Möglichkeiten, nicht nur Schwächen, sondern auch Stärken herauszuarbeiten. Dafür wurden Leitfaden-Interviews mit erzählenden Elementen angereichert. Elf Menschen waren bereit, mit den Forscherinnen und Forschern die Gespräche zu führen. In der neuen Broschüre sind die Berichte und Ergebnisse nach Fragestellungen sortiert wiedergegeben.

Maria Busche-Baumann kommt zu dem Schluss:  „Alle sind arm, ohne Aussicht auf Arbeit. Viele schämen sich deswegen, zögern die Inanspruchnahme von Hilfe lange hinaus, so lange, bis es nicht mehr geht. Doch die Scham bleibt. Der Gang zum Guten Hirt ist mit dem Selbstbild kaum zu vereinen. …  Ein Entrinnen aus der Arbeitslosigkeit und Armut ist für die Befragten nicht in Sicht. Um aber dennoch Struktur für den Tag zu bekommen und sich nützlich machen zu können, streben einige auch Ein-Euro-Jobs an. Ehrenamtliche Arbeit beim Guten Hirt ist sehr nachgefragt und gibt zum Teil das Gefühl ‚richtig’ zu arbeiten. Alle betonen, dass der Gute Hirt für sie eine große materielle und soziale Unterstützung darstellt, da sie lebensnotwendige Nahrung und Rückhalt durch die Begegnung mit Menschen in derselben Lebenslage erhalten.“
 
Besonders wichtig ist der Autorin ein Aspekt im Zusammenhang mit der Unterstützung des Guten Hirt: „Die unbürokratische Essensausgabe mindert die Schwellenangst und das Schamgefühl. Die Besucher müssen nicht ihre Bedürftigkeit nachweisen, sondern ihnen wird ohne Wort und Schrift geglaubt. Sie fühlen sich dadurch geachtet.“

Die Broschüre ist beim Guten Hirt und an der HAWK-Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit erhältlich. Eine PDF-Version finden Sie auch hier.

Weitere Informationen:

Guter Hirt
Altfriedweg 2-4
31135 Hildesheim
05121/52567


Prof. Dr. Maria Busche-Baumann
Busche-baumann@hawk-hhg.de

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