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Sonderausstellung "Aphorismen. Die Lec-schen Gedanken"

HAWK und Akademie der Schönen Künste Warschau im Roemer- und Pelizaeus-Museum Hildesheim / Eröffnung am Sonntag, 18. April 2010, um 11 Uhr

Marcel Tobien

Prof. Eckhard Westermeier

Vor dem Hintergrund der angestrebten Normalisierung der deutsch-polnischen Beziehungen bietet der 100. Geburtstag des Schriftstellers, Diplomaten und Philosophen Stanislaw Jerzy Lec ein würdiges Forum zu einem neuen, künstlerischen Dialog.

Zygmunt Januszewski, Professor für Grafik und Illustration an der Akademie der Schönen Künste Warschau, und Eckhard Westermeier, Professor für Zeitbasierte Medien in Hildesheim, konzipierten im Rahmen eines Austauschprogramms eine Ausstellung, die mit Kollegen und Studierenden ausgeführt wurde: "Aphorismen. Die Lec’schen Gedanken". Die Ausstellung findet vom 18. April bis 13. Juni 2010 im Roemer- und Pelizaeus-Museum statt.

Die Warschauer Künstler unter der Leitung von Januszewski  präsentieren sich zwei-dimensional in Form von Büchern, Plakaten und Grafiken. Die Hildesheimer, betreut von der Berliner Regisseurin Larissa Trüby und den Professoren Hans Lamb und Eckhard Westermeier, zeigen sich multimedial, filmisch, dreidimensional und fotografisch. Die Mixed-Media-Ausstellung wird in Warschau sowie in Hildesheim und Darmstadt gezeigt.

Aphorismus

Der Begriff Aphorismus stammt aus dem Griechischen. Ein Aphorismus ist ein prägnant-geistreich in Prosa formulierter Gedanke, der eine Erfahrung, Erkenntnis oder Lebensweisheit enthält. (Duden) Erst seit dem frühen 20. Jahrhundert werden  Aphorismen als eigenständige Prosagattung anerkannt und erforscht.
Zitiert aus: Deutsch-polnischer Kalender

 

Stanislaw Jerzy Lec,  Schriftsteller, Diplomat und Philosoph

Der Aphoristiker Stanislaw Jerzy Lec (1909-1966) war eine der schillerndsten Gestalten des literarischen Lebens in Polen. Als Nachfahre der Barone de Tusch-Letz hatte er eine bewegte Biografie: Kindheit in Lemberg und Wien um die Jahrhundertwende, zweifaches Todesurteil und Flucht aus einem KZ im Zweiten Weltkrieg, Diplomatenkarriere, Emigration nach Israel und Rückkehr ins stalinistische Polen. Der internationale Durchbruch als Autor gelang dem Kaffeehaus-Literaten mit der Aphorismen-Sammlung „Unfrisierte Gedanken“.

 

Ausgewählte LECsche Gedanken

1. Die schönste Siegestrophäe – der ganz gebliebene Kopf.
2. Ein gordischer Knoten, in dem der eigene Kopf steckt, lässt sich auf die übliche Art nicht lösen.
3. Auch die eigene Identität bedarf der Maske.
4. Selbst der flachste Mensch hat leider drei Dimensionen.
5. Teufel sind listig. Sie können dich einfach als Teufel heimsuchen.
6. Da es keine Wunder gibt, müsste doch einmal eins passieren können.
7. Welche Rolle man gespielt hat, erfährt man erst dann, wenn man keine mehr spielt.
8. Manchmal drängt sich der Sessel der Macht einem unters Gesäß mit Gewalt.
9. Versprecht euch nicht zu viel vom Ende der Welt.
10. Passt auf, der Massenkonsument könnte eure Kunst tatsächlich konsumieren (verdauen, ausscheiden...).
11. Trick der Perspektive: Ein kleines Menschlein kann einem die ganze große Welt verstellen.
12. Ein geborener Klassiker stirbt nicht. Man vergisst ihn.
13. Hellseher. Inmitten der übervölkerten Welt sieht er die Leere.
14. Ein begnadeter Künstler ahmt nur sich selbst nach.
15. Kunst blüht an der Stelle, an der man sie verwundet hat.
16. Die Konstruktion der Welt kompliziert sich. Ich garantiere für nichts mehr.
17. Te deum ex machina laudamus.
18. Gibt's denn keine Tierschutzwoche für die Bestie im Menschen?
19. Es gab viele Trompeter, Fanfaren und Trommeln – aber keinen Ton.
20. Dressierte Papageien wiederholen nichts.
21. Manchmal verbirgt sich etwas hinter etwas, wovor wir uns verbergen.
22. Es gibt immer noch spitzeren Stumpfsinn.
23. Wer innen weich ist, muss aussen hart sein: siehe Schildkröte.
24. Engagierte Kunst? Durch wen?

 

Zu den Arbeiten:

Dort wo die polnischen Studierenden zu ihrer Stärke gegriffen haben, die Lec´schen Gedanken grafisch zu visualisieren, haben die Hildesheimer HAWK-Studierenden der „Zeitbasierten Medien“ unter Leitung Larissa Trüby ihre Werkzeuge audiovisuell eingesetzt.

Henry Müller (6.Semester Grafikdesign) ist ein Erzähler. In seinem 3D-animierten Video „Versprecht Euch nicht zuviel vom Ende der Welt“ erzählt er die Geschichte einer Apokalypse am Grund des Ozeans. Er beschreibt mit ausgerechnet virtuell generierten Krebsen und Fischen als Hauptdarsteller Angst und Gefühle von Lebewesen im Untergang mit ihrem natürlichen Lebensraum.

Dass Kunst dort erblüht, wo sie verwundet wurde, animiert Juan Perucho, Austauschstudent aus Madrid mit lautlosen Bildzitaten, die sich in einer bewegten Baummetapher in Partikelexplosionen zu einem neuen Hoffnungsbild organisieren. Handwerklich setzt er mit den Mitteln der Computeranimation eine Hommage an die Malerei, Fotografie und  die Bildhauerei.

Als Besonderheit im Medien- Bereich sind zeitbasierte Arbeiten mit Schwergewicht auf audielle Dramaturgien von Lourdes Castro, ebenfalls Austauschstudentin aus Madrid, Anna Carena, Studentin Lighting Design, und Christian Bode zu werten. Sie lösen ihre Geschichten über gesprochene Dialoge. Das Bild spielt hier ausschließlich die illustrative Rolle. Drei Versuche, die künstlerischen Möglichkeiten der aktuellen mobilen Medien zu erweitern.

Marcel Kreike, Irina Fischer, Johannes Maurer, Dorian-Vasco Nagel und Alireza Javaherrashich bedienen  sich im Motiondesign der Typoanimation, um sich mit den digitalen Mitteln den Lec´schen Philosophien zu nähern.

Prof. Eckhard Westermeier stellt - im doppelten Sinn – Bildschirme in der Ausstellung vor. Westermeier: „Stanislaw Lec war ein eher fragender, unbequemer Aphoristiker, eher Sokrates als Platon, und für ihn habe ich meine Bildschirme entwickelt. Diese Bildschirme haben mit dem, was gemeinhin als Bildschirm, als TV-Gerät, als Fernseher, Monitor usw. verstanden wird, nur eines gemein: dass sie als Matrix fungieren. Ansonsten sind sie weiße Regenschirme, wie sie im Handel erhältlich sind. Der weiße Stoff, der den Besitzer des Schirms vor Regen schützt, wird bei den aphoristischen Regenschirmen als Display für eine Projektion eingesetzt. 

Bei zwei der drei Schirme ist die Halterung mit einem Minibeamer samt integriertem Abspielgerät versehen, das vom Griff aus auf den Stoff des Schirms eine Animation projiziert. Der Schirm bringt also selbst die Projektion hervor, die er reflektiert. Der Schirm reflektiert sich selbst und aus sich selbst, bezieht sich inhaltlich auf sich und stellt sich, sich selbst projizierend, der Öffentlichkeit dar. Er kann an jedem Ort ohne Schwierigkeiten (außer bei Regen) mit- und vorgeführt werden und bleibt doch ständig in seinem Kosmos. Zwei der Schirme zeigen in einer animierten Bildsequenz, wie das für bewusst Gehaltene und vor allem das gewusst Geglaubte ständig wiederholt wird, wie es sich ständig selbst erneuert und sich selbst sammelnd zum Bild verdichtet, zum Geschriebenen fädelt, aneinanderreiht und zu einer Assoziation von Schriftzeichen addiert, die in ihrer Komposition ein Gebäude suggeriert, das nicht ganz zufällig an ein Gefängnis erinnert.

Der dritte Schirm ist Stanislaw Lec gewidmet und allen Menschen, die sich den Luxus der routinierten Äußerung nicht leisten dürfen oder wollen, sondern die sich den mäandernden Gedanken der Gehirnganglien ständig aufs Neue aussetzen. Ein gezeichneter Hymnus an alle, die sich gegen die Autobahn der automatisierten geistigen Bewegungen wehren. In einem Schlagwort: Mäandertal versus Neandertal.


Die Berliner Regisseurin Larissa Trüby begleitete die Studierenden der HAWK im Sommersemester 2009 im Rahmen des Studienangebotes Zeitbasierte Medien. Ihr Seminarthema:  „Mediendramaturgie in der Differenzierung der digitalen Mittel“.  Trüby ist seit mehr als zehn Jahren als Filmregisseurin tätig. Zurzeit arbeitet sie an dem Dokumentarfilmprojekt „Glücksformeln“.


Die Studierenden aus dem ersten Semester unter Leitung von Prof. Hans Lamb waren  gehalten, sich im Medium der Fotografie mit den Aphorismen auseinanderzusetzen. Gleichwohl sollten ihre Arbeiten entsprechend ihres Seminars "Grundlagen des plastischen Gestaltens" Gegenstände und Motive ihrer Fotografien aus einer "bildhauerischen Sicht" suchen oder entwickeln. Mit diesem Ansatz entstanden Arbeiten, die tatsächlich die zumeist figürlichen Szenen mit einem "skulpturalen" Blick oder Habitus inszenieren oder in der Tradition des Genres Performance interpretieren.

So inszeniert sich beispielsweise Fabio Vogel als wandelnder Notizzettel-gespickter  Treppenhausgeist. Auch Madelein Stephan bemüht eine schemenhaften Geist, um in Ihren provzierend frechenden Fotos den im Aphorismus genannten Teufel darzustellen.

Sabine Hirsch verschlingt auf einer symbolisch zu interpretierenden Ebene mit Schmerz und Leid die eigenen Kunstwerke, während sich Alexander Köhler in einer gleichermaßen studio-artigen wie psychodelischen Manier als mythisch-mystisches Wesen selbst porträtiert.

Alles in allem ein überaus interessanter, überraschender und zuweilen auch wirklich bewegender Ansatz, dem Wesen der ausgewählten Aphorismen sozusagen im Selbstversuch auf die Schliche zu kommen.

 


Von der HAWK Hildesheim, Fakultät Gestaltung stellen aus: 

Christian Bode
„Versprecht euch nicht zu viel vom Ende der Welt.“ - Kurzfilm für mobile Matrix 


  Henry Müller:
„Versprecht euch nicht zu viel vom Ende der Welt.“ - Computeranimation 

 

Anna Carena:
„Wenn ich ein zweites Mal geboren werde, lass ich mich gleich  unter einem falschen Namen eintragen“. - Hörspiel-Thermofolien-Installation 

 

Juan Perucho
„Kunst blüht an der Stelle, an der man sie verwundet hat.“ - Computeranimation  

 

Lourdes Castro:
„Auch die eigene Identität bedarf der Maske“ - Hörspiel mit  Bildnotizen

 


 Madeleine Stephan:
„Teufel sind listig. Sie können dich einfach als Teufel heimsuchen“  - Fotografie 

 

Vanessa Nolte:
„Auch die eigene Identität bedarf der Maske“ - Fotografie 

 

Fabio Vogel:
„Auch die eigene Identität bedarf der Maske“ - Fotografie 

 

Marcel Tobien :
„Auch die eigene Identität bedarf der Maske“ - Fotografie  

 

Lydia Boetzkes:
„Auch die eigene Identität bedarf der Maske“ - Fotografie  

 

Von der Akadmie der Schönen Künste, Fakultät Graphische Gestaltung, stellen aus:

 

Alina Agranovsky - Photografie

 


Magdalena Stadnik
„Unfrisierte Gedanken” von St. Jerzy Lec - Grafik

 


Olga Werniewicz
„Unfrisierte Gedanken” von St. Jerzy Lec - Grafik
 

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