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Neue Blickwinkel und Erkenntnisse: Bischof Bernward wäre sehr zufrieden gewesen

200 Gäste aus acht Ländern bei der Tagung zur Michaeliskirche des Hornemann Instituts der HAWK / Resonanz sehr positiv

Hildesheims Oberbürgermeister Kurt Machens hat die Tagung des Hornemann Instituts eröffnet

Konzentrierte Zuhörer bei der Michaelistagung des Hornemann Instituts

„Bischof Bernward wäre mit dieser Tagung sehr zufrieden gewesen und Bischof Bernward liebte die Qualität“, resümierte Prof. Dr. Uwe Lobbedey in der abschließenden Podiumsdiskussion seinen Eindruck von der Tagung, die das Hornemann Institut der HAWK jetzt in der Michaeliskirche unter dem Titel „1000 Jahre St. Michael in Hildesheim“ ausgerichtet hat.

Dr. Angela Weyer vom Hornemann Institut hat bei ihrer Erläuterung des Programms deutlich gemacht, dass die Kenntnisse darüber, was in den letzten 1000 Jahren auf dem Michaelishügel wirklich los war, arg löchrig und in vielen Bereichen auch sehr vage seien. Mit diesem überhaupt ersten Kongress zur Michaeliskirche versuchten die Organisatoren, neben ihr noch Dr. Gerhard Lutz vom Dom-Museum, nicht nur die Forschung zur Bernwardszeit, sondern auch die Zeit vom Spätmittelalter bis zum Wiederaufbau voranzutreiben.

Die rund 200 Tagungsteilnehmer aus acht Ländern konnten 27 Vorträge hören und an mehreren Führungen teilnehmen. Die ersten drei Vorträge erläuterten viele noch nicht ausreichend publizierte Befunde der Grabungen und am Bau. Die weiteren Vorträge beleuchteten wichtige Aspekte der Klosterkultur auf dem Michaelishügel. Prof. Dr. Matthias Untermann von der Universität Heidelberg warf mit einem Blick auf Vergleichsbauten und auf die Analyse der bisherigen Publikationen zur Michaeliskirche. Aus seiner Sicht ist weder belegt, dass die Bernwardstüren nicht für die Michaeliskirche gefertigt wurden, noch seien bislang genügend Befunde publiziert, die zweifelsfrei nachweisen, dass die Fundamente wirklich alle einer einzigen Bauperiode angehören und es im Laufe der Zeit keine Bauplanänderung gegeben habe.

Der Historiker Prof. Dr. Enno Bünz aus Leipzig widerlegte plausibel die bisher immer wieder in der  Literatur auftauchende These, dass der überlieferte Grundstein und das überlieferte Fragment eines zweiten Steins von zwei unterschiedlich zu datierenden Grundsteinlegungsakten stammen könnten. Seinen europaweit zusammengetragenen Vergleichen zufolge ist eine Grundsteinlegung nur ein einziger Akt. Es könnte zwar mehrere solcher Steine in den Fundamenten geben, aber wohl kaum mit anderen Daten. 1010 sei somit der tatsächliche Baubeginn der Michaeliskirche.

Prof. Dr. Sible de Blaauw aus Nijmegen machte anhand der damaligen römischen Stationsgottesdienste deutlich, was Bischof Bernward in Rom wirklich gesehen hat, u. a. nämlich die Trajanssäule, die deshalb zurecht als Vorbild für die Christussäule angeführt wird. Zweifel habe er allerdings an der immer  wieder angeführten Vorbildfunktion der Türflügel von S. Sabina in Rom für die Bernwardstüren. In dieser Frage fügte Prof. Dr. Klaus Gereon Beuckers von der Universität Kiel einen ganz neuen Aspekt hinzu: Er wies auf eine Konkurrenzsituation Bischof Bernwards mit dem Mainzer Bischof Willigis hin, der zuvor den dortigen Dom hatte neu bauen lassen und dafür eine bronzene, allerdings deutlich schlichtere Tür gestiftet hatte.

Prof. Dr. Lawrence Nees aus Newark (USA) zeigte auf, dass sich die Bezüge in den von Bernward in Auftrag gegeben Kunstwerken auf antike und karolingische Werke einem breiteren Kontext von „antiquarianism“ der Zeit um 1000 zuordnen lassen. Dazu gehört auch, dass in dieser Zeit karolingische Handschriften mit aufwändigen Einbänden neu präsentiert wurden, wie zum Beispiel das Kleine Bernwardevangeliar im Hildesheimer Domschatz.

Prof. Dr. Jennifer Kingsley aus Cleveland (USA) lenkte den Blick auf die Materialität in den Stiftungen Bernwards: Bernward scheine sich nicht nur der Wirkung von Kunst bewusst gewesen zu sein, sondern auch deren materieller Beschaffenheit. Dies werde sogar in den Miniaturen seiner Handschriften deutlich, auf denen der Darstellung der Materialien eine besondere Bedeutung zukommt, unter anderem im Hinblick auf die Gegenwart Christi als Fleisch gewordenes Wort.

Dr. Monika Müller von der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel machte deutlich, dass man aufgrund der Lehrbücher in der mittelalterlichen Bibliothek des Michaelisklosters schließen könne, dass es – neben der Hildesheimer Domschule – auch dort eine Schule gegeben habe. Viele Bücher seien aus Frankreich beschafft und nachträglich in Hildesheim illuminiert worden.

Dr. Gerhard Lutz vom Dom-Museum Hildesheim machte mit Blick auf die Bauformen und auf die Ende des 12. Jahrhunderts im Zuge der Heiligsprechung Bischof Bernwards entstandenen Kunstschätze eine Neudatierung des Westchors in die Zeit vor 1200 plausibel. Zudem machte er bei den neu erschaffenen Kunstwerken auf den Bezug zur Bernwardinischen Kunst aufmerksam.

Dr. Martina Giese aus München verdeutlichte anhand einer ungedruckten, niederdeutschen Vita Bernwards eindrücklich, dass über den berühmten Bischof in den unterschiedlichen Zeiten verschiedene Lebensgeschichten geschrieben wurden, die älteren Teile in sich trügen und deshalb zusammenfassend betrachtet werden müssten, um sich der Persönlichkeit Bernwards zu nähern. Die von ihr vorgestellte und bislang nur bei wenigen Experten bekannte Bernwards-Vita enthält zudem eine Beschreibung vieler Kunstwerke in St. Michael, was sie für die kunsthistorische Forschung sehr spannend macht.

In der Zusammenschau lässt sich sagen, dass der Bau noch sehr, sehr viele Fragen offen lässt, aber deutlich ist, dass sich auch in späteren Jahrhunderten Rückbezüge auf Bischof Bernward finden lassen.
Abschließend resümierten vier Tagungsteilnehmer einige Vorträge und formulierten wichtige Forschungsdesiderate, wie zum Beispiel die moderne Edition der Hildesheimer Handschriften, eine ausführliche Stadtgeschichte, eine Dokumentation dessen, was man heute zur Michaeliskirche weiß, unter anderem verformungerechte Aufmaße, Fotos sowie eine Liste der Quellen, die in den verschiedenen Institutionen Niedersachsens noch zu St. Michael existieren.
Viele der Vortragenden werden der Einladung des Hornemann Instituts folgen und ihre neuen Erkenntnisse im 14. Band der Schriftenreihe des Instituts 2011 drucken.

Die Idee zu dieser Tagung war bereits vor zweieinhalb Jahren in einem der Arbeitskreise entstanden, zu dem die Lenkungsgruppe des 1000 jährigen Jubiläums der Michaeliskirche engagierte Interessenten aus Stadt und Umland eingeladen hatte. Die Veranstaltung dieses internationalen Kongresses passt sehr gut zu den Aufgaben des Hornemann Instituts: Von der Stadt Hildesheim anlässlich der EXPO 2000 initiiert und viele Jahre lang gefördert, wird es seit nunmehr sieben Jahren von der HAWK getragen und unterstützt den internationalen Wissenstransfer durch Internetangebote und die regelmäßige Veranstaltung von Kongressen und treibt gleichzeitig die regionale Vernetzung der Fakultät Erhaltung von Kulturgut voran.

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