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Wenn Einzelne sich für das Gesamte einsetzen

Lions Club Hildesheim verleiht Preise für besondere Leistungen an HAWK-Absolventinnen und Absolventen der Fakultät Erhaltung von Kulturgut
Lions Preis

„Sie sind Hildesheimer Leistungsträger.“ Mit diesem Lob führt Hans-Christian Kluttig, Präsident des Lions Clubs Hildesheim, in die nunmehr vierte Lions-Preisverleihung ein. Darin liegt auch die Begründung für seine Worte. Denn die insgesamt 1000 Euro Preisgeld gehen jährlich an Master-Absolventinnen und -Absolventen der HAWK-Fakultät Erhaltung von Kulturgut, die einen Beitrag von ausgezeichneter wissenschaftlicher Qualität für die Restaurierungswissenschaft geleistet haben bzw. sich durch besonderes gesellschaftliches Engagement auf dem Gebiet der Restaurierung auszeichnen.
Der Preis splittet sich damit  in zwei Teile. Über den Teil des Preises für die besondere wissenschaftliche Leistung können sich Wiebke Marina Findeisen und Ruaidhri O´Bolguidhir gemeinsam freuen. Die andere Hälfte des Preises für besonderes Engagement geht an Alexandra Schmidt.

 

HAWK-Kanzler Dr. Marc Hudy  unterstützt in seiner Ansprache lobend das gelungen umgesetzte Anliegen des Lions Clubs Hildesheim. Nämlich, dass „jedes Staatswesen nur in dem Maße dem Einzelnen dienen kann, wie der Einzelne auch bereit ist, sich für das Gesamte einzusetzen“.

 


Findeisen hat sich mit dem Thema „Siegelschutzsysteme des Mittelalters und der Neuzeit in norddeutschen Archiven“ befasst. Sie untersuchte die Systeme und ihre Auswirkungen auf die Siegel unter Berücksichtigung konservatorischer, historischer und ethischer Aspekte. „Das Thema klingt für den Laien vielleicht etwas exotisch“, erklärt Kluttig. Doch gerade für Archive, die mit der Erhaltung von versiegelten Urkunden betraut sind, sei das Thema hochaktuell. Schließlich vereine es historische und ethnische Fragestellungen mit denen der Konservierung.

 

„Seltsamerweise hat die Forschung dieses kulturhistorisch hochinteressante Thema bislang stark vernachlässigt“, fährt Kluttig fort. Der große Verdienst von Findeisen sei, dies erkannt und den Verantwortlichen bewusst gemacht zu haben. In der Folge hat sie zahlreiche Archive in Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Sachsen-Anhalt erfasst und unter historischen und konservatorischen Gesichtspunkten inventarisiert. Daraus hat sie unter anderem eine eigenständige Datenbank für Siegelschutzsysteme entwickelt, die nun eine praktische Hilfe für Historiker, Archivare und das Restauratorenhandwerk liefert.

 


Der gebürtige Ire Ruaidhri O´Bolguidhir hat in seiner auf englisch verfassten Master-Thesis „Holz und Licht“ die durch Lichteinwirkung hervorgerufenen Farbveränderungen am Beispiel der Hildesheimer Holztafelsammlung untersucht. Mit dem Studium der Restaurierung und dem Thema Holzkonservierung hatte er bereits in seiner Heimat begonnen. Im Rahmen eines internationalen Austauschprogramms absolvierte er sein Master-Studium an der HAWK. Hier befasste er sich im Studiengang Möbel und Holzobjekte vertieft mit schädigenden und farbverändernden Auswirkungen von Licht auf unterschiedlichen Holzoberflächen. Das eigentliche Problem kennt jeder. Wenn beispielsweise nämlich ein Teppich längere Zeit auf einem Parkettfußboden liegt, behält der Holzboden seine ursprüngliche Farbigkeit länger als die dem Sonnenlicht ausgesetzten Flächen.

 

O´Bolguidhir reichte es nicht aus, solche Stellen mit bloßem Auge zu beurteilen. „Ich habe festgestellt, dass dies immer nur eine sehr subjektive Beurteilung nach sich ziehen kann. Das ist für eine wissenschaftliche Untersuchung außerdem ungeeignet“, erklärt O´Bolguidhir. Es gäbe zwar bereits ausgefeilte Messmethoden. Doch die erfordern einen hohen technischen Aufwand und kosten zudem viel Geld – im Gegensatz zu seiner eigens entwickelten Methode. Sie ist mit einem gängigen Bildbearbeitungsprogramm möglich.

 

Auf der Grundlage normaler Digitalfotografien können fortan objektiv Farbveränderungen nachvollzogen und bewiesen werden. Belegt hat der Entwickler dies anhand der 92 Hildesheimer Holztafeln sowie an einer Sammlung des irischen Restaurierungsinstituts in Letterfrack. Die Messergebnisse vermitteln eine Vorstellung von den unterschiedlichen Reaktionen der insgesamt vier Holzarten auf Licht über einen Zeitraum von fünf bis 15 Jahren.

 

Alexandra Schmidt erhält den Preis für besonderes gesellschaftliches Engagement, nämlich für ihre Überlegungen zur Konservierung und Restaurierung von jüdischem Schriftgut in ihrer Arbeit. „Ein Fund jüdischer Bücher im katholischen Pfarrarchiv in Tauberbischofsheim“. Ihr Anliegen war, einen lange vergessenen Bestand von sieben jüdischen Büchern aus der Zeit zwischen dem späten 18. Jahrhundert und dem frühen 19. Jahrhundert historisch zu erkunden sowie zu interpretieren. Das große Rätsel lautete hierbei,ob es sich um einen so genannten Genesia-Fund handelt. Unter Genesia versteht man einen vermauerten Hohlraum zur Aufbewahrung jüdischer liturgischer Schriften.

 

Daraus entstanden vielschichtige Fragen, denen Schmidt laut Jury mit „großem Einfühlungsvermögen und mit großer Fachkompetenz nachgegangen ist“. Mit  Akribie verfolgte Schmidt unter anderem das Ziel einer umfassenden Dokumentation des Fundes in Tauberbischofsheim und ordnete jedes einzelne Dokument materialtechnologisch und kunsthistorisch ein. Bei der anschließenden Objekt- und Restaurierungsgeschichte ergänzte sie die Quellenrecherchen mit restauratorischen Befunden an den Objekten. Nachdem sie dann im Sommer 2009 bereits erfolgreich ihren Abschluss absolviert hatte, konservierte sie den gesamten Bücherfund unentgeltlich in ihrer Freizeit.

 

Für dieses Verantwortungsbewusstsein gegenüber dem Fund sowie ihrer wissenschaftlichen Arbeit erhält Schmidt 500 Euro vom Lions Club Hildesheim. „Einen solchen Preis zu bekommen ist für mich ein sehr neuartiges Gefühl. Ich freue mich natürlich sehr über die Anerkennung meiner Arbeit“, erklärt Schmidt nach der Preisverleihung. So unterschiedlich die Arbeiten sein mögen, sie haben eine Gemeinsamkeit: Sie wurden alle mit der Bestnote 1,0 bewertet.

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