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Maria verliert ein Farbkleid

Nach ihrer Untersuchung wird die Hildesheimer Tintenfassmadonna in Hannover restauriert
von der Goltz

Hildesheim/Hannover (bph) Nachdem die Untersuchung der Tintenfassmadonna aus dem Hildesheimer Dom im Niedersächsischen Landesmuseum Hannover abgeschlossen ist, soll das mittelalterliche Kunstwerk nun aufwändig restauriert werden, bevor es bis zur Wiedereröffnung des Hildesheimer Doms 2014 im Landesmuseum ausgestellt wird. Das haben Experten des Niedersächsischen Landesmuseums Hannover, des Dommuseums Hildesheim und der HAWK vorgeschlagen.


Im November 2010 übergab Prof. Dr. Michael Brandt, Direktor des Hildesheimer Dom-Museums, die mittelalterliche Holzfigur an das Niedersächsische Landesmuseum, nachdem der Dom wegen der Sanierungsarbeiten geschlossen worden war. Im Rahmen ihrer Master-Thesis an der HAWK hat Restauratorin Roksana Jachim die Tintenfassmadonna in den vergangenen Monaten untersucht und ein Behandlungskonzept erarbeitet. Jachims Untersuchungen ergaben, dass die sichtbare Fassung der Holzfigur die wertvolle Skulptur schädigt und daher abgenommen werden sollte. „Ein solches Vorgehen ist nicht die Regel“, erklärt Jachim dazu, „normalerweise gilt es, die Objektgeschichte zu achten und auch eine nach heutigen Maßstäben vielleicht nicht sehr schöne Fassung als historisches Dokument zu erhalten. Im Fall der Tintenfassmadonna ist das deshalb anders, weil die oberste Schicht die älteren, darunter liegenden Fassungen schädigen würde.“ Durch die Restaurierung wird eine ältere, ästhetisch gelungenere Fassung wieder ans Tageslicht kommen.

 

Die Analysen, die dem Behandlungskonzept zugrunde liegen, waren außergewöhnlich umfangreich und bedienten sich einiger innovativer Methoden. So arbeiteten die Experten unter anderem mit der Radiologie am Raschplatz in Hannover zusammen. Der dort vorhandene Computertomograph, den es so in Norddeutschland nur zweimal gibt, erlaubt es, nicht nur Quer-, sondern auch Längsschnitte abzubilden. Dies macht eine räumliche Darstellung der Figur möglich. Durch die Auswertung der rund 10.000 Aufnahmen konnte Jachim sowohl Rückschlüsse auf Qualität und Erhaltungszustand des Holzblocks ziehen, als auch unterschiedliche Farbschichten und deren Metallgehalte genauer begutachten. „Die professionelle Arbeit von Frau Jachim und Herrn Dr. Marc Ewig von der radiologischen Praxis haben eine Ergebnisfülle gebracht, von der die wissenschaftliche Restaurierung auch weiterhin profitieren wird“, sind sich Iris Herpers, Leitende Restauratorin des Landesmuseums Hannover und Dr. Michael von der Goltz, verantwortlicher Professor an der HAWK Hildesheim einig.

 

Mikroskopische Anschliffuntersuchungen ergaben überraschenderweise, dass mindestens vier Farbfassungen auf der Madonna vorhanden sind. Mit Hilfe der Polarisationsmikroskopie konnten dann die verwendeten Pigmente in diesen Fassungen bestimmt werden. Dr. Peter Klein vom Zentrum für Holzwirtschaft der Universität Hamburg und Honorarprofessor an der HAWK hat durch dendrochronologische Untersuchungen nachgewiesen, dass das Holz der Figur aus dem Harzer Vorland kommt und frühestens 1402 geschlagen wurde.

 

Nach der Restaurierung und dem Zwischenstopp im Landesmuseum Hannover wird die berühmte Statue im Hildesheimer Dom 2014 wieder den Platz einnehmen können, der ihr aufgrund ihrer Prominenz zusteht. „Die Tintenfassmadonna ist eindeutig eines unserer Glanzstücke“, so Prof. Dr. Michael Brandt, Leiter des Dom-Museums Hildesheim. „Durch die wünschenswerte Umsetzung des aufwändigen Behandlungskonzeptes von Frau Jachim, wird man ihr das endlich auch wieder ansehen können.“

 

Der Name der Tintenfassmadonna ergibt sich aus der seltenen Darstellung von Mutter und Sohn: Die Marienfigur hält in der rechten Hand ein Tintenfass. Das Kind auf ihrem linken Arm wird mit einer Schreibfeder sowie einer Schreibrolle dargestellt. Die Skulptur dürfte in den ersten Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts gearbeitet worden sein und war vermutlich für den Tagungsort des Hildesheimer Domkapitels bestimmt. Sie misst 180 cm.

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