English Version | Intranet | Schnellzugriff

Herzogin Anna Amalia Bibliothek und HAWK schließen Modellprojekt zur Restaurierung von Gewebebänden erfolgreich ab

Neue Standards für die Restaurierung

Kurzfassung

Neue Standards für die Restaurierung:

Die Herzogin Anna Amalia Bibliothek der Klassik Stiftung Weimar und die Fakultät Erhaltung von Kulturgut an der HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim haben ein gemeinsames Modellprojekt zur Restaurierung von Gewebebänden mit wichtigen Ergebnissen abgeschlossen.

 

Der besondere Erfolg des Modellprojekts liegt in der Entwicklung innovativer Methoden für die Gewebeband-Restaurierung. Viele Bibliotheken haben sich in der Vergangenheit aus Kostengründen gegen die Erhaltung von textilen Einbänden und stattdessen für eine neue Bindung entschieden. Daher waren die Erfahrungen mit diesem speziellen Einbandmaterial bislang gering. Die Projektergebnisse bedeuten einen entscheidenden Schritt auf dem Weg hin zur Etablierung einer schonenden und nachhaltigen restauratorischen Behandlung von Gewebebänden.

 

Vier Monate lang arbeiteten zwei Restauratorinnen in Weimar und ein Team von Lehrenden und Studierenden der Studienrichtung Schriftgut, Buch und Graphik der HAWK  in Hildesheim gemeinsam an der »Erforschung nachhaltiger Methoden und Materialien für die Restaurierung von hitze- und wassergeschädigten Gewebebänden« – so der Titel des Modellprojekts. Im Fokus stand dabei eine Gruppe von ca. 2.200 Büchern mit Einbänden aus Gewebe – z.B. Samt oder Leinen, Kaliko oder Moleskin. Sie zählen zu den ca. 62.000 Werken, die beim Brand der Herzogin Anna Amalia Bibliothek am 2. September 2004 extremen Einwirkungen durch Hitze, Löschwasser und mechanischer Beanspruchung während der Bergung ausgesetzt waren. Die Bibliothek hat es sich zum Ziel gesetzt, die Benutzbarkeit der Bücher wiederherzustellen und zugleich die historisch und sammlungsgeschichtlich wertvollen Einbände zu erhalten.

 

Die neuen Forschungsergebnisse betreffen vor allem Fragen der Reinigung, der Einbringung geeigneter Ergänzungsmaterialien und der Verminderung von Deformierungen. Alle Erkenntnisse des Modellprojekts sind unmittelbar in eine Ausschreibung für die Restaurierung von Gewebebänden der Herzogin Anna Amalia Bibliothek eingeflossen und sollen ab Sommer 2012 umgesetzt werden.

 

Das Modellprojekt wurde gefördert von der Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts, die auf Initiative von Kulturstaatsminister Bernd Neumann im August 2011 bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz eingerichtet wurde.

 


Langfassung

Neue Standards für die Restaurierung:  Herzogin Anna Amalia Bibliothek und HAWK Hildesheim schließen Modellprojekt zur Restaurierung von Gewebebänden erfolgreich ab

Die Herzogin Anna Amalia Bibliothek der Klassik Stiftung Weimar und die Fakultät Erhaltung von Kulturgut an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim haben ein gemeinsames Modellprojekt zur Restaurierung von Gewebebänden mit wichtigen Ergebnissen abgeschlossen.

Vier Monate lang arbeiteten zwei Restauratorinnen in Weimar und ein Team von Lehrenden und Studierenden der Studienrichtung Schriftgut, Buch und Graphik in Hildesheim gemeinsam an der »Erforschung nachhaltiger Methoden und Materialien für die Restaurierung von hitze- und wassergeschädigten Gewebebänden« – so der Titel des Modellprojekts.

Im Fokus stand dabei eine Gruppe von ca. 2.200 Büchern mit Einbänden aus Gewebe – z.B. Samt oder Leinen, Kaliko oder Moleskin. Die Bücher befanden sich unter den ca. 62.000 Werken, die beim Brand der Herzogin Anna Amalia Bibliothek am 2. September 2004 extremen Einwirkungen durch Hitze, Löschwasser und mechanische Beanspruchung während der Bergung ausgesetzt waren. Die Bibliothek hat es sich zum Ziel gesetzt, die Benutzbarkeit der Bücher wiederherzustellen und zugleich die historisch und sammlungsgeschichtlich wertvollen Einbände zu erhalten.

Der besondere Erfolg des Modellprojekts liegt in der Entwicklung innovativer Methoden für die Gewebeband-Restaurierung. Viele Bibliotheken haben sich in der Vergangenheit aus Kostengründen gegen die Erhaltung von textilen Einbänden und stattdessen für eine neue Bindung entschieden. Daher sind die Erfahrungen mit diesem speziellen Einbandmaterial bislang gering. Die Projektergebnisse bedeuten einen entscheidenden Schritt auf dem Weg hin zur Etablierung einer schonenden und nachhaltigen restauratorischen Behandlung von Gewebebänden.

Unter der Leitung von Prof. Ulrike Hähner, Hildesheim, und Dr. Jürgen Weber, Weimar, widmeten sich die Projektpartner drei zentralen Forschungsbereichen:
1. Bestandsschonende Reinigung
Vier Master-Studentinnen erprobten in Hildesheim unter praktischer Anleitung von Dipl.-Rest. Tabea Modersohn und Dipl.-Rest. Barbara Rittmeier verschiedene Reinigungsmethoden. Die Anbindung an die Praxis war für die Studierenden ein wichtiges Lernziel im Projekt: Sie waren aufgefordert, eine konkret umsetzbare Empfehlung für die Mengenrestaurierung auszusprechen. Im Ergebnis entschieden sie sich nach umfangreichen Tests und einem methodisch differenzierten Variantenvergleich für eine kombinierte Trockenreinigung mit Staubsauger und Vliestuch, die sich bei allen Gewebestrukturen bewährt hat.

2. Konservatorisch geeignete Ergänzungsmaterialien
Zwei Restauratorinnen der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar bereiteten eine Probenreihe aus Baumwollgeweben vor, behandelten sie mit wasserbeständigen Farbmitteln und unterschiedlichen Klebstoffen. Eine Materialprüfung mit künstlicher Alterung wurde am Textilforschungsinstitut Thüringen-Vogtland e.V. (titv), Greiz, in Auftrag gegeben. Zudem wurden alle Probenmaterialien und eine Auswahl originaler Gewebeeinbände in Kooperation mit Dr. Agnes Blüher, Leiterin der Papierentsäuerung an der Schweizerischen Nationalbibliothek Bern, einer Entsäuerung bei der Nitrochemie Wimmis AG nach dem Papersave-Swiss-Verfahren unterzogen. Bücher mit Gewebebänden der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und des 20. Jahrhunderts besitzen häufig säurehaltige Papiere, so dass auch die Einbandgewebe und alle Ergänzungsmaterialien ggf. einer Entsäuerung standhalten müssen. Nach beiden Untersuchungen bewährten sich mehrere Materialkombinationen, besonders aber überzeugte ein Daunen-Batist in Verbindung mit Lascaux-Acrylkleber und Reaktivfarbstoffen.

3. Verminderung von Deformierungen
Für die Befeuchtung der Einbände waren bislang Seidenpapier-Beutel im Einsatz, die nach einmaliger Verwendung entsorgt werden mussten. Wiederverwendbare Alternativmaterialien wurden praktisch getestet und auf ihre Eignung in der Mengenrestaurierung hin geprüft. Im Ergebnis werden Befeuchtungskissen aus Daunen-Batist empfohlen.

Die Erkenntnisse sind unmittelbar in eine Ausschreibung für die Restaurierung von Gewebebänden der Herzogin Anna Amalia Bibliothek eingeflossen und sollen ab Sommer 2012 umgesetzt werden.

Das Modellprojekt wurde gefördert von der Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts, die auf Initiative von Kulturstaatsminister Bernd Neumann im August 2011 bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz eingerichtet wurde. Sie behandelt auf nationaler Ebene Fragen zur Sicherung des schriftlich überlieferten Kulturerbes und unterstützt Forschung und Erkenntnisgewinn durch Förderung von Projekten.

 

Für weitere Informationen stehen Ihnen zur Verfügung:
 
Sabine zu Klampen | HAWK Hildesheim
05121 | 881-124
zuklampen@hawk-hhg.de
 
Timm Schulze | Klassik Stiftung Weimar
03643 | 545-113
timm.schulze@klassik-stiftung.de

Erscheinungsdatum: 06.06.2012