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Bankraub an der HAWK mit zahlreichen Geiseln

"Hundstage" in der Theaterwerkstatt der Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit

Langsam füllt sich die Tribüne im Theaterraum der HAWK am Hohnsen 1. Christopher Weiß sitzt ganz oben, unscheinbar geht er in der Menge unter, während sein Schauspieler-Kollege Stephan Möller-Titel vorne scheinbar die letzten Requisiten ordnet. Plötzlich schließt er die Tür und bedroht die 60 Zuschauenden mit seinem Gewehr – ein Banküberfall! Und schon werden Studierende, Schülerinnen und Schüler, Kolleginnen und Kollegen aus Verwaltung und Lehre zu Geiseln: Eben noch passiv spielen sie beim Theaterstück „Hundstage“, eine Vierhuff-Produktion nach dem gleichnamigen Film von Sidney Lumet, freiwillig – unfreiwillig mit.

 

Die verwirrende Mischung zwischen Komik, Empathie mit den so lebensnah verzweifelten Bankräubern und dem kribbelnden Angstgefühl, doch ernsthaft bedroht zu sein, wenn bei der kleinsten Regung der Gewehrlauf auf einen gerichtet wird oder Schusssalven und Polizeisirenen von draußen erklingen, macht sich breit. Permanent wechseln die Stimmungen. Mit den Ereignissen auf der Bühne, die inzwischen den ganzen Raum inklusive der Zuschauerreihen einnimmt, verändert sich auch unmittelbar die Lage der Zuschauenden. Im direkten Anspiel der hochnervösen Bankräuber , die mal ein Opfer, mal einen Arzt benötigen, werden sämtliche Theaterkonventionen aufgehoben und im nächsten Moment wieder eingefordert. Es gibt Bier, Cola und Pizza für die Geiseln, die Schauspieler fragen entspannt nach Feuer und Taschentüchern, um gleich darauf wieder kurz vor dem Amok zu stehen oder – wie Christopher Weiß – in diverse andere Rollen zu schlüpfen, das Geschlecht zu wechseln, freundlich plaudernd zu unterhalten, zu zetern, zu kommandieren und Vergangenheit und Gegenwart der Protagonisten in den Moment hinein zu weben.

 

„Ich war mittendrin in dem Bankraub“, erzählt Nick Egg (15), Praktikant am TfN, über seine Empfindungen. Ihn habe das Stück „richtig hinein gezogen“. Die Schüler und Schülerinnen der Kooperationsklasse der Hauptschule Alter Markt sind restlos begeistert: „Das ist das beste Stück, das ich je gesehen habe“, schwärmt Adrian Aloe (16). Er habe über kurze Zeit auch richtig Angst empfunden. „Ich habe mich auch erschrocken, aber fand es klasse, wie die Schauspieler auf das Publikum zugegangen sind und wir mitspielen durften“, sagt Wanvissa Panngam (16).  „Es war sehr interaktiv und es passierte ständig etwas Unerwartetes, etwas Neues“, lobt Klassenlehrerin Birte Steinleger die Vielseitigkeit.

 

Nicht nur für die Zuschauerinnen war es eine neue Erfahrung, sondern auch für die Schauspieler. „Eigentlich ist es eher ein Abendstück, auch das Publikum war teilweise sehr jung. Aber es ist super mitgegangen und an tragischen Stellen war es dann auch mucksmäuschenstill, was viel auffälliger war“, so Stephan Möller-Titel im Anschluss. „Das ist die große Chance vom Theater, darzustellen, was so eine Krise - wie hier die Bankenkrise - mit dem Einzelnen macht“, sagt Regisseur Gero Vierhuff über seine Motivation, den Film für das Theater zu adaptieren. „Es ist immer wieder spannend zu sehen, welchen Bezug alte Stoffe zu heute haben können.“

 

Für die Theaterwerkstatt der HAWK war es ein gelungener Auftakt für das aktuelle Theaterprojekt. Gemeinsam erarbeiten 20 Hauptschüler/innen und zehn Studierende bis Ende Juni in Kooperation mit dem TFN eine Neuauflage des Shakespeare Stückes „Romeo und Julia“.


„Mein Anliegen ist, die Theaterwerkstatt als einen Ort für spannende, aktuelle Kultur inmitten der HAWK zu etablieren. Nach diesem Stück sind ganz neue Vorstellungen von Theater in den Köpfen. Dies wird auch unser Projekt beflügeln“, so Juliane Steinmann, Veranstalterin und Dozentin für Theater und Kulturelle Bildung im Fachbereich Soziale Arbeit.

Erscheinungsdatum: 28.01.2013