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Niemand möchte "bildungsfern" sein

Tagung "Studierende der ersten Generation" an der HAWK in Hildesheim vernetzt und informiert

Carsten Rumbke war sichtlich zufrieden mit dem bisherigen Projektverlauf der Talentwerkstatt an der HAWK. „Wir haben bei der Erstsemesterbegrüßung unser Projekt vorgestellt und auf einen Schlag 30 Studierende gehabt, die im Anschluss zu uns kamen und sagten, sie seien Handwerker und hätten Interesse“, erzählte der Projektkoordinator. Die Talentwerkstatt an der HAWK möchte vor allem berufstätige Handwerker ansprechen, um sie zu einem Studium zu motivieren, aber auch Studienanfänger mit handwerklicher Berufserfahrung informieren und begleiten. Erfahrungen wie die Erstsemesterinformation tauschten Rumbke und sein Kollege Michael Haas bei einer Tagung an der HAWK in Hildesheim aus, an der erstmals Vertreter aus ähnlichen Projekten von niedersächsischen Hochschulen teilnahmen.

 

Ihnen gemeinsam ist, dass sie die sogenannte Bildungsbeteiligung an Hochschulen fördern möchten, und zwar gezielt die „Erste Generation“. Damit sind die Studierenden gemeint, die als erste in ihrer Familie ein Studium beginnen. Unterstützt werden die Projekte mit insgesamt fast einer Million Euro vom niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur. Zur Tagung kamen 14 Teilnehmer/innen aus sieben Hochschul-Projekten zusammen, um über ihre Inhalte zu informieren, aber um auch über die Herausforderungen in der alltäglichen Projektarbeit zu sprechen.

 

Neben dem Erfahrungsaustausch ging es auch um sprachliche Begrifflichkeiten:  So hinterfragte Michael Haas aus der HAWK-Talentwerkstatt die Begriffe „Bildungsabstieg“, „Aufstiegsangst“ und „Bildungsferne Schichten“. Diese seien zwar oft in Studien zu lesen, würden aber ihre Arbeit bei der Ansprache der Zielgruppe erschweren.


“Diese Wörter sind nicht mehr einzuholen, sie sind prägnant und funktionieren erst einmal. Beim Begriff ‚Bildungsferne Schicht‘ stört mich, dass zwei Pole suggeriert werden. Auf der einen Seite sind die erfolgreichen Akademiker/innen, die über die andere Seite sprechen, sie sei bildungsfern und könne oder wolle nicht. Das ist eine harte Diagnose“, meinte Haas. Letztendlich würde sich aber von dem Begriff niemand angesprochen fühlen, denn jeder würde sich als bildungswillig bezeichnen. Viel besser sei es dagegen, von unterschiedlicher Bildung und Ausbildung zu sprechen. Da sich die Hildesheimer Talentwerkstatt an „Studierende mit Beruf und Erfahrung“ richte, würden die Angesprochenen positiv wertgeschätzt und so stigmatisierungsfrei angesprochen.

 

Aber nicht nur um die richtige Tonalität in der Kommunikation ging es, sondern auch um das gegenseitige Kennenlernen der anderen Projekte. Hier zeigte sich, dass die einzelnen Vorgehensweisen zwar unterschiedlich sind, aber alle für das gleiche Ziel arbeiten.

 

In der Talentwerkstatt der HAWK richte man sich vor allem an Handwerker/innen.  Ihnen wie auch allen anderen beruflich Ausgebildeten ermöglicht seit 2009 in Niedersachsen das Gesetz zur „Offenen Hochschule“ bei bestimmten Voraussetzungen ein Studium ohne das klassische Abitur/ den fachgebundenen Hochschulzugang nach drei Jahren Berufserfahrung. Oft gehe es in den Beratungsgesprächen darum, wie das Studieren überhaupt finanziert werden könne. Typische Fälle seien aber auch Handwerker/innen, die das theoretische Lernen erst einmal wieder neu lernen müssten, und dafür Hilfe benötigten. Diese könne dann über die Talentwerkstatt vermittelt werden. Dafür stünden die Mitarbeiter/innen der Projektgruppe, die unter der Leitung von Vizepräsidentin Prof. Dr. Annette Probst steht, telefonisch und per Email zur Verfügung.

 

Andere Wege geht die Onlinecommunity „Arbeiterkind.de“. In dieser Organisation arbeiten 5.000 ehrenamtliche Mentor/innen. Nach einer Basisschulung helfen sie online oder auch bei Stammtischen gezielt jungen Interessenten aus Familien, in denen noch nie ein Familienmitglied studiert hat.

 

Oft werden sie im Internet gefunden, erzählt Friederike Goedicke, Projektkoordinatorin für Niedersachsen. Auf der Plattform gibt es dann weitere Hinweise auf Informationsveranstaltungen und Kontakte zu Mentor/innen, die weiterhelfen. „Viele junge Menschen wissen gar nicht, wie sie sich weiterbilden können und haben ein Informationsdefizit. Es gibt aber auch solche mit einem Informationsüberfluss. Die steigen vor lauter Möglichkeiten nicht mehr durch, welcher Bildungsweg der für sie passende ist. Gleichzeitig fehlt dann oft die familiäre Unterstützung für ein Studium in Erstakademikerhaushalten“, fasst Goedicke ihre Erfahrungen zusammen.Viele der Mentoren bei Arbeiterkind.de sind selbst ehemalige Studierende der „ersten Generation“, und wollen so durch ihr ehrenamtliches Engagement auch wieder etwas von den positiven Erfahrungen zurückgeben.

 

Mit einer Medienkampagne und gezielten, breit gefächerten Informationsveranstaltungen in Schulen, Berufsschulen und Vereinen arbeitet das Projekt „First Generation Students“ der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften in Wolfenbüttel. Die Überzeugungsarbeit bei den Schüler/inne/n sei nicht schwer, so Projektmitarbeiterin Elvira Thelen. Denn eine Hürde für die potentiellen Studierenden sei es, den ersten besonderen Schritt zu machen, sich zu informieren – das sei ein guter Weg, sich auf die Studierwilligen zuzubewegen. „Das Ziel ist es, Mut zu machen, ohne bevormundend und vorbestimmend zu sein“, meint Thelen. Oftmals ginge es um die eigene Einschätzung, ob die richtigen Fähigkeiten für ein Studium überhaupt da sind.

 

“Durch den Austausch bei der Tagung zeigte sich wieder einmal, dass Bildung in der Bevölkerung unabhängig vom Schul- oder Berufsabschluss breit vorhanden ist. Dabei erscheint Bildung in vielen verschiedenen Ausprägungen, Schwerpunkten und Inhalten – Begriffe wie "bildungsfern" für Menschen ohne Abitur oder Hochschulausbildung sind aber unpassend“, so fasste Carsten Rumbke die Ergebnisse des ersten Vernetzungstreffens zusammen.

 

HAWK Talentwerkstatt

 

Gruppenbild - Teilnehmer der Tagung „Studierende der Ersten Generation“ (v.l.n.r.):

Sjard T. Seibert (Georg-August-Universität Göttingen) , Anica Schreiber (Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften Hochschule Braunschweig/ Wolfenbüttel), Anna-Elise Weiß (Stiftung Universität Hildesheim), Elvira Thelen (Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften), Katja Kohrs (Nds. Ministerium für Wissenschaft und Kultur), Prof. Dr. Annette Probst (Vizepräsidentin HAWK), Martin Scholz (Stiftung Universität Hildesheim), Anka Tobias (Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften Hochschule Braunschweig/ Wolfenbüttel), Carsten Rumbke (Projektkoordinator Talentwerkstatt HAWK), Annemarie Schlimper (Carl von Ossietzky Universität Oldenburg),Svenja Bethge (HAWK Hildesheim/ Holzminden/ Göttingen), Friederike Goedicke (Arbeiterkind.de), Maria Krüger-Basener (Hochschule Emden/ Leer), Michael Haas (Mitarbeiter Talentwerkstatt HAWK)

Erscheinungsdatum: 04.02.2013