English Version | Intranet | Schnellzugriff

Alternative Kraftstoffe für die Luftfahrtindustrie aus deutschem Biogas

Norddeutsches Konsortium - darunter die HAWK - untersucht Möglichkeiten zur nachhaltigen Produktion von Biokerosin

Die Entwicklung neuer Kraftstoffe, die das Klima schonen und gleichzeitig nachhaltig und sozialverträglich produziert werden, zählt zu den großen gesellschaftlichen aber auch industriellen Herausforderungen. Die Luftfahrtindustrie treibt die Entwicklung alternativer Kraftstoffe maßgeblich voran. Dass die Herstellung von nachhaltigem Biokerosin eine Chance für Norddeutschland sein könnte, zeigt ein Vorhaben, das jetzt auf Initiative des Niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums und des Flugzeugbauers Airbus gestartet wurde. Für das Projekt stellen sie jeweils 50.000 Euro zur Verfügung.

 

Ein Konsortium mit Partnern aus Niedersachsen und Hamburg will im Rahmen einer Machbarkeitsstudie klären, inwieweit die Nutzung von Biogas zur Herstellung von Biokerosin möglich ist: Neben dem schon am Markt verfügbaren Biokerosin auf Basis nachhaltiger Pflanzenöle, die meist aus dem Ausland importiert werden müssen, kann Kerosin auch aus Biogas bzw. dem daraus herstellbaren Biomethan erzeugt werden.

 

Landwirtschaftsminister Christian Meyer erklärt: „Ich begrüße das Projekt, weil Niedersachsen als Deutschlands größter Produzent von Biogas dafür ein besonderes Potenzial bietet. Hier wird Biogas in nennenswertem Umfang auch aus Abfall und damit besonders nachhaltig erzeugt. Einen weiteren Vorteil bietet das bereits vorhandene, gut ausgebaute Erdgas-Netz, das mit nur geringen Zusatzkosten genutzt werden kann. Somit besteht die Chance, mit regionalen Produkten dazu beizutragen, dass sich die Industrie von fossilen Energieträgern ein Stück weit lösen kann.“

 

Der europäische Flugzeugbauer Airbus unterstützt das Projekt im Rahmen seiner Strategie für die kommerzielle Nutzung nachhaltiger alternativer Kraftstoffe für die Luftfahrt. „Airbus ist führend bei der weltweiten Entwicklung nachhaltiger alternativer Kraftstoffe. Unser Ziel ist es, weltweit nachhaltige Lösungen für die lokale Versorgung aus lokalen Quellen zu entwickeln. Wir freuen uns daher sehr über die Zusammenarbeit mit unseren Partnern in Niedersachsen“, sagte Frederic Eychenne, Programmleiter Neue Energien bei Airbus.

 

Airbus will mit seiner Strategie als Katalysator bei der Kommerzialisierung von Biokraftstoffen für die Luftfahrt wirken, die aus nachhaltigen Quellen gewonnen werden. Sechs solcher Wertschöpfungsketten wurden bereits aufgebaut: in Australien, Brasilien, dem Mittleren Osten, Rumänien, Spanien und China. Darüber hinaus hat Airbus auf mehreren Testflügen und in Zusammenarbeit mit den Normungsorganisationen für Kraftstoffe (ASTM und DefStan) dazu beigetragen, dass alternative Kraftstoffe mit einem Biokerosinanteil von bis zu 50 Prozent bereits für kommerzielle Passagierflüge zugelassen wurden.

 

Unter Führung der Süderelbe AG untersuchen das Institut für Umwelttechnik und Energiewirtschaft (IUE) der Technischen Universität Hamburg-Harburg (TUHH) sowie das Fachgebiet Nachhaltige Energie- und Umwelttechnik (NEUTec) der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Göttingen die technische und wirtschaftliche Machbarkeit dieser Idee.


Zur Produktion von nachhaltigem Biokerosin aus Biogas sollen sogenannte Gas-to-Liquid-Verfahren (GTL) eingesetzt werden. Angepasst an die Standortbedingungen Norddeutschlands werden in dem Projekt die Grundlagen für die technische und ökonomische Realisierbarkeit einer vollständigen Wertschöpfungskette zur Biokerosin-Produktion in Norddeutschland erarbeitet.


Als Praxisbeispiel für die Umsetzung werden die Wirtschaftsregion Deltaland (Heidekreis) sowie der Unterelbe-Raum näher analysiert. „Für Niedersachsen bietet sich mit diesem Projekt die Chance, neue Wertschöpfungspotenziale zu erschließen und zugleich die Entwicklung der vorhandenen Industriestandorte zu befördern“, erklärt Dr. Jürgen Glaser, Prokurist der Süderelbe AG, die sich für Clusterentwicklungsprojekte in Niedersachsen und Hamburg engagiert und das Projektmanagement für dieses Thema übernommen hat.

 

Eine große Bedeutung für das Projekt kommt der Analyse möglicher Quellen von Biomethan zu. „Die Machbarkeitsstudie nimmt daher mit Blick auf die aktuelle Diskussion um Nutzungskonkurrenzen bewusst Ressourcen vorrangig aus landwirtschaftlichen Rückständen und Nebenprodukten sowie aus organischen Abfällen für die Biogasproduktion in den Fokus“, erklärt Prof. Achim Loewen, Professor für Energietechnik und Umweltmanagement an der HAWK in Göttingen.

 

Damit wird im Rahmen des Projektes die Analyse und Bewertung der gesamten Bereitstellungskette von der Biogaserzeugung bis zur Biokerosinbereitstellung z. B. für den Flughafen in Hannover oder in Hamburg vorgenommen. Hierzu wird die gesamte Kette detailliert anhand technischer, ökonomischer und ökologischer Kriterien untersucht. "Nur wenn Biokerosin technisch effizient, ökonomisch darstellbar und ökologisch verträglich bereitgestellt werden kann, wird sich diese innovative Option, bei der die in Niedersachsen bereits vorhandenen Strukturen maximal genutzt werden sollen, am Markt durchsetzen können. Ist dies der Fall, kann diese Möglichkeit merklich zu einem klimaverträglicheren Luftverkehr beitragen – und das bei gleichzeitiger Verbesserung der Versorgungssicherheit." stellt Prof. Dr.-Ing. Martin Kaltschmitt, Leiter des Instituts für Umwelttechnik und Energiewirtschaft der TUHH, fest.

 

Die Arbeiten zur Machbarkeitsstudie werden flankiert durch das fachliche Know-how eines projektbezogenen Beirats, in den Industrievertreter aus zentralen Wertschöpfungsstufen eingebunden sind. Das Projekt endet voraussichtlich im Dezember 2013.

Erscheinungsdatum: 20.03.2013