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Mit Elektrostatik auf Staubfang

Tagung: Massentaugliches Reinigungs- und Digitalisierungsverfahren für historische Dokumente

Wie umfangreiche historische Dokumentensammlungen massentauglich und  fachgerecht gereinigt und somit vor weiteren Beschädigungen gerettet werden können, darum ging es bei der Tagung „Elektrostatische Reinigung von Beständen aus Archiven, Bibliotheken und Museen“ an der HAWK in Hildesheim.


120 Fachexpert/inn/en aus Museen, Archiven und Bibliotheken sowie Studierende der HAWK waren gekommen, um sich über das Verfahren zu informieren und auszutauschen. Bei der Tagung wurde nicht nur die Technologie genauer vorgestellt, sondern auch ihre Einsetzbarkeit bei verschiedenen Verschmutzungsarten wie Feinstaub oder Schimmel erläutert. Später konnte die Maschine auch im Praxiseinsatz begutachtet werden. Mitgebrachte Objekte der Konferenzteilnehmer/innen wurden gereinigt und die Ergebnisse daraufhin gemeinsam mit den  Expert/inne/n begutachtet und diskutiert.


Im Mittelpunkt der zweitägigen Veranstaltung stand die Reinigungsanlage, die im Rahmen eines DBU-Forschungsprojektes an der Studienrichtung Schriftgut, Buch und Graphik und dem Mikrobiologielabor der Fakultät Bauen und Erhalten weiter entwickelt wurde. Dabei handelt es sich um die maschinelle Reinigung von Einzelblättern und Großformaten, z.B. Aktenblätter, Karten, Pläne, Plakate, Graphiken oder Photographien, mithilfe einer elektrostatisch aufgeladenen Folie. Als Neuerung besteht nun auch die Möglichkeit, im gleichen Arbeitsschritt die bearbeiteten Artefakte nach dem Reinigungsvorgang zu digitalisieren. Die Bearbeitungsgeschwindigkeit liegt bei etwa 80 bis 120 Dokumenten (DIN A 0- / DIN A 1-Format) pro Stunde. Entwickelt worden ist das Verfahren ursprünglich an der Universitäts- und Forschungsbibliothek Erfurt/Gotha, wo innerhalb von zwei Jahren 185.000 historische Karten des berühmten Perthes-Verlages auf diese Weise von Feinstaub  befreit worden sind. Die Forschungsbibliothek hat den ersten Anlageprototyp nach Abschluss der Arbeiten der HAWK in Hildesheim übergeben.


„Das Hauptproblem bei der Bestandserhaltung in Archiven ist die Masse an Dokumenten, nicht das besonders schöne Objekt“, stellte Dr. Bernd Kappelhoff, Präsident des Niedersächsischen Landesarchivs, in seinem Fachvortrag fest. Zwar liege das Landesarchiv mit Beständen im Gesamtumfang von ca. 95 Regalkilometern im Größenvergleich zu anderen staatlichen Archiven eher im Mittelfeld, aber es wachse jährlich durch die Neuzugänge um rund 600 bis 800 Regalmeter.


Die für eine fachgerechte Magazinierung unumgängliche Reinigung der Bestände sei ein erheblicher Aufwandsposten im alltäglichen Archivbetrieb. Die Verschmutzung der Bestände sei überwiegend verursacht durch falsche Lagerung. Anschaulich erzählte Kappelhoff von einem oft „naiven Umgang mit dem Raumklima“ durch die Dienststellen, in denen das Archivgut ursprünglich entstanden ist: In den Räumen der ehemaligen Bezirksregierung Lüneburg beispielsweise habe die Registratur wegen Überfüllung ihre Akten kurzerhand in einen benachbarten Atombunker ausgelagert, der feucht und ohne angemessene Lüftung gewesen sei. „Da hatte sich dann ruckzuck eine blühende Schimmelkultur ausgebreitet“, so Kappelhoff.

 

Der Kampf gegen den Schimmel und gesundheitsgefährdende Feinstäube erweise sich manuell als sehr mühsam. Aber auch Altbestände, die bisher liegengeblieben sind, müssten fachgerecht für neue klimatisch angemessene Archivmagazine verpackt werden.

 

 „Die entscheidende Herausforderung für uns alle ist, die Zusammenarbeit zwischen Archivar/inne/n, Restaurator/inne/n und fachfremden Wissenschaftler/inne/n, also Ingenieur/inne/n, Verfahrenstechniker/inne/n und Naturwissenschaftler/inne/n zu suchen“, regte Kappelhoff an.

 

Den wesentlichen Beitrag zu der neuen Technologie leistete die Firma Becker Systems GmbH, die die Erfindung und Entwicklung der Maschine gemeinsam mit Prof. Dr. Gerhard Banik von der Universität für Angewandte Kunst Wien und mit finanzieller Unterstützung der Deutschen Bundesstiftung Umwelt realisierte. „Der Bedarf ist enorm“, stellte der Geschäftsführer des Technologieunternehmens Ernst Becker fest. „Wir sind bestrebt, Anlagen zu entwickeln, die einen breiten Einsatz in der Praxis erlauben und die Digitalisierung ermöglichen“.

 

Genau diesen interdisziplinären Austausch ermögliche die Konferenz, so Prof. Dipl.-Ing. Dipl.-Rest. Ulrike Hähner, Initiatorin der Tagung und Leiterin der Studienrichtung Schriftgut, Buch und Graphik an der HAWK, die sich über so viel Resonanz aus der Fachwelt freute: „Die Frage ist: Wie bekommen wir die innovative Technologie für die Mengenreinigung von Archivgut in die Praxis?“ Dies geschehe in Hildesheim nicht nur in der Lehre, Studierende der Restaurierung haben in diesem Bereich u.a. praktische Übungen mit der elektrostatischen Säuberung, sondern auch in einem Austausch mit Sammlungsverantwortlichen sowie den Restaurator/inne/n in den Archiven, Bibliotheken und Museen.

 

Ein Stück weit werde die HAWK dabei auch zum Dienstleister, sagte Prof. Hähner: „Wir haben einen Bereich der Oberflächenreinigung ins Leben gerufen, um unsere Arbeit an der Reinigungstechnologie sehr eng mit der Aufgabenstellung der Mengenerhaltung aus der Praxis und weiterer Forschung zu verzahnen.“ Derzeit unterstützt die HAWK mit dieser Technologie auch die umfangreichen Reinigungsarbeiten des Niedersächsischen Landesarchivs Hannover und des Historischen Archivs der Stadt Köln.

Erscheinungsdatum: 02.05.2013 

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