English Version | Intranet | Schnellzugriff

Raus aus der Verteidigungsposition oder gegen Tendenzen der Ausgrenzung

"Inklusive Jugendhilfe - Was kommt auf uns zu ?" - 3. Kinder- und Jugendhilfetag in Hildesheim mit Beteiligung der HAWK

Inklusion soll im Jahr 2013 stärker in den Fokus rücken als bisher, das hatte unlängst die Kultusministerkonferenz beschlossen. Aber nicht nur in der Schule, auch in anderen Lebensbereichen von Kindern und Jugendlichen wird Inklusion wichtig werden. Veranstaltet wurde der dritte Kinder- und Jugendhilfetag von der HAWK, der Stiftung Universität Hildesheim, dem Landkreis Hildesheim und der AG Reg der Freien Träger.

 

„Ich bin überrascht über den großen Zuspruch und freue mich, dass das Thema von vielen Fachkräften als wichtig angesehen und ernst genommen wird,“ erklärte Florian Hinken vom Landkreis Hildesheim. Zusammen mit seinem Kollegen Klaus Bange vom Jugendamt hatte er Teilnahmezusagen von mehr als 180 Personen erhalten, darunter auch weiter entfernte Kommunen.

 

„Verwirklichung von Inklusion ist kein kurzfristiges Thema. Wir haben uns dauerhaft damit zu beschäftigen“, sagte der Sozialdezernent des Landkreises, Ulrich Wöhler, in seiner Eröffnungsrede den Teilnehmer/inne/n des Fachtages. Inklusion ginge alle Menschen an, ganz besonders natürlich gehe es dabei um diejenigen, die Leistungsempfänger seien. Auch der Landkreis Hildesheim entwickele bereits Maßnahmen zur Inklusion, so zum Beispiel im Netzwerk Frühe Hilfen mit dem Programm „Lernförderung in Schulen“, wo es das Ziel sei, Kinder möglichst frühzeitig zu fördern, um spätere Nachteile zu vermeiden.

 

"Inklusion ist eine Haltung"

Dr. Dirk Härdrich vom  Niedersächsischen Landesamt für Soziales, Jugend und Familie referierte über die aktuelle Entwicklung der Kinder- und Jugendhilfe auf Landesebene und die Pläne der Landesregierung. Inklusion sei eine Haltung, so Härdrich, die Beteiligten steckten momentan in einer Suchbewegung.Er ging zunächst auf die Ausgaben von Erziehungshilfen in Niedersachsen ein. Diese würden stetig ansteigen, trotz guter wirtschaftlicher Rahmendaten, einer Abnahme der Jugendarbeitslosigkeit und vieler sozialversicherungspflichtiger Arbeitsverhältnisse. Diese Entwicklung sei auch der Ausfluss der Debatte zum Kinderschutz der letzten Jahre. „Jugendhilfe ist demnach nicht so sehr der Spiegel der sozialstrukturellen Situation, sondern davon, was die Gesellschaft von ihr fordert“, sagte Härdrich. Die Jugendhilfe müsse sich daher nicht in eine Verteidigungsposition begeben: Betriebswirtschaftliche Messgrößen seien nicht die einzigen Aspekte für eine Bewertungsgrundlage. Die Herausforderung sei nun, betonte Hädrich, zu einem gemeinsamen Verständnis von Inklusion zu gelangen.

 

"Viel Unsicherheit"

Prof Dr. Albrecht Rohrmann, Sozialpädagogik mit Schwerpunkt Inklusion und soziale Rehabilitation von der Universität Siegen, befasste sich mit Inklusion auf kommunaler Ebene und wie diese geplant werden könne. Vielen Kommunen, die er auch bei der Erarbeitung von Teilhabeplänen oder Aktionsplänen begleitet habe, bescheinigte Rohrmann eine hohe Bereitschaft, sich des Themas Inklusion anzunehmen. „Das Interessante ist, dass auf kommunaler Ebene die Auseinandersetzung mit der UN-Konvention zum Schutze von Menschen mit Behinderungen sehr intensiv angelaufen ist.“ Aber wenn man sich die Beschlüsse näher anschaue, sehe er auch die Unsicherheit vieler Mitarbeiter und Politiker darüber, was denn jetzt konkret gemacht werden und geplant werden müsse. Allgemein stünden die Kommunen da noch ziemlich am Anfang, ihre Ziele auch umzusetzen.Gleichzeitig warnte Rohrmann vor einer falschen Idealwelt, dass wir irgendwann einmal eine inklusive Gesellschaft hätten: „Es wird immer ein Versuch sein, mit politischen Mitteln, einer systematischen Planung und der fachlichen Reflexion, solchen Tendenzen der Ausgrenzung entgegenzuwirken.“

 

"Hin- und Her-Geschiebe zwischen Ämtern"

Auf die Umsetzungsmöglichkeiten von Hilfen zur Entwicklung und Teilhabe kam Dr. Thomas Meysen vom Deutschen Institut für Jugendhilfe und Familienrecht e.V. zu sprechen. Er ging in die  Details der aktuellen Bestimmungen zur Sozial- und Jugendhilfe und skizzierte das Dilemma von Betroffenen, wenn es um die Frage der Zuständigkeiten gehe. So sei je nach Alter die Kinder- und Jugendhilfe zuständig für Kinder ohne und mit psychischen Störungen, aber nicht für Kinder mit geistiger oder körperlicher Behinderung. Schwierig werde es regelmäßig für Betroffene mit Mehrfachbehinderungen. „Um die Zuständigkeit von Behörden gibt es unglaublich viele gerichtliche Auseinandersetzungen. Dieses Hin- und Her-Geschiebe zwischen den Ämtern ist schon sehr schwer für viele Jugendliche und ihren Familien“, sagte er.


Merkmalslisten mit vielen Kriterien wie dem Intelligenzquotienten würden zu Belastungen für Kinder und ihre Familien führen: „Bei einem IQ über 69 ist die Kinder- und Jugendhilfe zuständig, darunter die Sozialhilfe – also lieber nochmal nachtesten, es könnte ja sein, dass wir nicht zuständig sind“, kritisierte Meysen die Vorgehensweisen von Behörden. Der IQ sei nur ein Teil des Gesamtbildes eines jungen Mensch. Es bedürfe einer klareren und nachvollziehbaren Gestaltung von Übergängen bei der Gestaltung des Anspruch auf Hilfe und Teilhabe.

 

Weitere Informationen:

Prof. Dr. Christa Paulini

Erscheinungsdatum: 11.06.2013