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"Wir haben ein gemeinsames europäisches Erbe!"

Fachtagung der HAWK-Fakultät Bauen und Erhalten mit dem Hornemann Institut zur Denkmalpflege in Mitteleuropa

Sie ist von vielen ungeliebt, die Architektur der Nachkriegszeit, besonders die der 1950er Jahre. Doch genau diese Baukultur aus der Zeit des Eisernen Vorhangs war ein Thema der internationalen viertägigen Fachtagung „Geteilt –  Vereint! Denkmalpflege in Mitteleuropa“ an der HAWK in Hildesheim. „Es geht nicht darum, die Architektur schön zu finden, sondern darum, die Zeichen dieser Zeit zu bewahren“, sagte Prof. Dr. Ursula Schädler-Saub von der HAWK-Fakultät Bauen und Erhalten, die die Tagung gemeinsam mit Dr. Angela Weyer vom Hornemann Institut organisiert hat.

 

Biografie der Objekte

Ein zentrales Thema waren die Wiederaufbauten, Restaurierungen und Rekonstruktionen sowie städtebauliche Interventionen der Nachkriegszeit, welche das Aussehen nicht nur einzelner Denkmale, sondern ganzer Altstädte prägen. Viele dieser Maßnahmen, die oft bedeutende denkmalpflegerische Zeugnisse des Wiederaufbaus sind, werden heute wieder zur Disposition gestellt, oft ohne dass man sich Gedanken um ihren historischen Stellenwert machen würde. Auch die Nachkriegsschichten seien Teil der Biografie der Objekte, das gelte beispielsweise auch für den Hildesheimer Dom, so Schädler-Saub, die die Erhaltung von Zeugnissen dieser Zeit auch als Achtung gegenüber den Menschen und ihrer historischen Situation begreife.

 

Blick nach Osteuropa

„Pflegen, zusammenhalten und vermehren, was man hat, das sollte unsere Aufgabe sein“, betont auch der Berliner Landeskonservator und Präsident von ICOMOS (Internationaler Rat für Denkmalpflege) Deutschland, Prof. Dr. Jörg Haspel. Ihn freue es sehr, dass es zum einen bei der Konferenz in Hildesheim gelungen sei, alle Bundesländer zu vereinen, zum anderen, dass von hier aus auch der Blick nach Osteuropa geöffnet werde. „Wir haben ein gemeinsames europäisches Erbe!“, sagte Haspel.  Wie mit Kulturschätzen zur Zeit des geteilten Europas umgegangen worden sei und welche Bedeutung diese Epoche für den heutigen Denkmalbestand hat, darum ging es in den Beiträgen der Tagung mit rund hundertdreißig Teilnehmerinnen und Teilnehmern. 

 

Hochkarätige Podiumsdiskussion

Eröffnet worden war die Tagung im Hildesheimer Rathaus von Bürgermeister Ekkehardt Palandt und HAWK-Präsidentin Prof. Dr. Christiane Dienel. Nach einem Einführungsvortrag von Professorin Schädler-Saub folgte eine Podiumsdiskussion mit hochkarätiger Expertenbeteiligung und Zeitzeugen wie Prof. Dr. Ludwig Deiters, der von 1961 bis 1986 Generalkonservator des Instituts für Denkmalpflege der DDR war. Passend zum Thema nahmen die Zeitzeugen und ehemaligen Funktionsträger der Denkmalpflege aus beiden Teilen Deutschlands an dem historischen Sitzungstisch im Struckmann-Saal Platz, der seit dem Wiederaufbau 1953 unverändert historisch erhalten ist. Dr. Arnold Bartetzky moderierte den Austausch zwischen Prof. Dr. Detlef Karg (langjähriger Chef der Denkmalpflege in Sachsen/Brandenburg und zu DDR-Zeiten für die Schlösser und Gärten von Potsdam Sanssouci zuständig), Prof. Dr. Michael Petzet (langjähriger Generalkonservator des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege und Präsident von ICOMOS Deutschland und international), Dieter Wieland (Fernsehjournalist für Denkmalpflege, der durch seine Filme und Ausstellungen in den 70er und 80er Jahren viel für das Denkmalverständnis in der Öffentlichkeit getan hat), Prof. Dr. Sigrid Brandt (Generalsekretärin ICOMOS Deutschland) und eben Ludwig Deiters.

 

Grenzübergreifendes Netzwerk

 „Einer der entscheidenden Schritte zur Trennung der Denkmalpflege in Ost und West ist sicherlich 1952 die Auflösung der Länder in der Ostzone gewesen als von fünf Ländern auf 15 Bezirke umgestellt wurde, hierbei konnten die zwei bis fünf Mitglieder der Landesdenkmalpflegeämter schlecht aufgeteilt werden, so dass sich eine zentrale Außenstelle entwickelte“, schilderte Deiters. „Sicherlich unterlagen die Denkmalpfleger in der DDR ganz anderen Zwängen und mussten viel diplomatischer lavieren, um überhaupt etwas zu retten, weil die politische Situation mit der Planwirtschaft mit den Neubauten teilweise sehr konträr lief zu den denkmalpflegerischen Bemühungen. Aber vieles war auch sehr ähnlich von der Auffassung der Denkmalpflege her, die Wurzeln z.B. für denkmalpflegerische Maßnahmen in Sakralbauten sich ja dieselben in Mitteleuropa“, fasste Ursula Schädler-Saub zusammen. Trotz des Eisernen Vorhanges habe es ein grenzübergreifendes Netzwerk fachlicher Zusammenarbeit gegeben.

 

Ergebnisse als Buch

Am Ende der Tagung war eines sicher, dieses jüngere und meist vernachlässigte Kapitel der europäischen Denkmalpflege, die Zeit nach 1945 auf beiden Seiten des Eisernen Vorhanges, soll nicht wieder in der Versenkung verschwinden. Dafür wird auch das Forschungsprojekt von Prof. Dr. Ursula Schädler-Saub und Prof. Dr. Thomas Danzl von der Hochschule der Bildenden Künste in Dresden sorgen. 20 Zeitzeugen aus dem Bereich der Denkmalpflege in Ost und West sind dazu intensiv zu Grundsatzüberlegungen und der Praxis der Denkmalpflege, sowie den  Auswirkungen auf das denkmalpflegerische Handeln im wiedervereinten Deutschland  interviewt worden. Die Ergebnisse der Tagung und des Forschungsprojektes sollen voraussichtlich 2014 als Buch erscheinen.

 

Die Tagung fand in Kooperation mit ICOMOS (Deutschland und International), dem Geisteswissenschaftlichen Zentrum für Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas an der Universität Leipzig (GWZO) und dem Arbeitskreis deutscher und polnischer Kunsthistoriker und Denkmalpfleger statt. 

Erscheinungsdatum: 30.09.2013 

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