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Müntefering: "Die jungen Frauen gehen zuerst"

Rund 300 Zuhörer/innen bei der 5. Immobiliendebatte von HAWK und ImmobilienManager:"Morgenland - Zukunft für den ländlichen Raum"

HAWK TV berichtet von der Immobiliendebatte

„Morgenland – Zukunft für den ländlichen Raum“ – die siebte Holzmindener Immobiliendebatte in Kooperation mit dem ImmobilienManager Verlag beschäftigte sich mit einem Thema, das viele Regionen in Deutschland umtreibt. „Die Menschen werden älter, weniger und ziehen an Plätze, wo sie ihren Alltag bestmöglich organisieren können“, so fasst Franz Müntefering, ehemaliger Vizekanzler und SPD-Frontmann die Situation im Lichthof der HAWK in Holzminden zusammen. „Demografischer Wandel“ ist der trockene Überbegriff für Entwicklungen, die dramatisch in viele ländliche Lebenswelten eingreifen.

"Holzminden steckt mittendrin"

Rund 300 Studierende, Professor/inn/en, Gäste sowie prominente Vertreterinnen und Vertreter der Region Holzminden suchen nach Lösungen für ihre Region. „Holzminden bereitet sich nicht auf den demografischen Wandel vor, Holzminden steckt mittendrin“, stellt Landrätin Angela Schürzeberg klar. Und sie stimmt Hauptredner Müntefering unverklärt zu, wenn er sagt: „Die jungen Frauen gehen zuerst.“  Ganz am Ende der ganztägigen Veranstaltung meldet sich eine Holzmindener Studentin in der Podiumsdiskussion zu Wort und sagt:  „45 Minuten in jede Richtung, bevor wir auf eine Autobahn oder große Stadt treffen. Wir haben jetzt schon das Gefühl, das Leben zieht an uns vorbei. Sie glauben doch nicht allen Ernstes, dass wir hier bleiben?" Und wieder ist es Angela Schürzeberg, die die Augen nicht verschließt: „Ich persönlich finde sogar, Sie sollten unbedingt gehen. Ich habe lange in Berlin gelebt und bin der Meinung, dass man als junger Mensch erst mal in die Welt gehen sollte. Aber vielleicht ist unsere Region in einem anderen Lebensabschnitt von Ihnen wieder attraktiv. Nämlich wenn Sie eine Familie gründen und sich niederlassen wollen. Daran arbeiten wir."

 

Bundesweites Interesse an Leerstandskataster

Holzminden müsse für Unternehmen und Familien attraktiv sein. Dazu gebe es Aktivitäten an verschiedenen Stellen –  gemeinsam mit der Stadt Holzminden und den angrenzenden Regionen. Eine Initiative hat schon bundesweit Interesse gefunden: das Leerstandskataster als Grundlage für die Ortsentwicklungsplanung der Gemeinde Polle, das im Zuge des Projektes „Umbau statt Zuwachs“ der Weserberglandregion entstanden ist. Frisch eingestellt sei eine „Innenentwicklerin“ für den Landkreis. Schulberufslotsen zeigten schon im Klassenzimmer, welche Ausbildungsmöglichkeiten es in der Region gebe. Mit der HAWK sei eine Master-Arbeit realisiert worden, die aus einer einfachen Bushaltestelle einen attraktiven Treffpunkt gemacht habe.

 

"Die Stärke liegt in den Kleinstädten"

Die Region setze auch große Hoffnung auf die Arbeit des Zukunftszentrums Holzminden-Höxter, das länderübergreifend Ideen zum Umgang mit dem demografischen Wandel entwickeln solle und kurz vor der Gründung stehe. Es werde an vielen Schrauben gedreht. „Die Stärke liegt in den Kleinstädten“, das hatte auch HAWK-Präsidentin Professor Dr. Christiane Dienel zur Eröffnung der Immobiliendebatte hervorgehoben. Das Zukunftszentrum werde wichtige Impulse geben, ist auch ihre Ansicht.

 

"Wir haben keine Gründungskultur"

Ein HAWK-Absolvent des Studiengangs Wirtschaftsingenieur fragt: „Und was tun Sie, dass sich junge Unternehmen hier ansiedeln können?“ „Da legen Sie den Finger in die Wunde. Wir haben noch keine Gründungskultur“, antwortet Schürzeberg. Hier müsse noch viel getan werden – von allen gemeinsam. Mit anderen Worten hatte dies auch Müntefering vorgetragen: „Wichtig ist das Bewusstsein, dass diese Schritte nicht von oben entschieden werden, sondern durch Engagement der Bürger getragen sein müssen.“ Große Bedeutung habe hier das Ehrenamt: „Nur wenn genügend helfen, kann das Miteinander in der Gesellschaft gelingen.

 

Initiative "Wächterhaus"

Vom Miteinander ganz besonderer Art berichtete Fritjof Mothes, Geschäftsführer des Leipziger Planungsbüros „StadtLabor“ und im Verein „HausHalten“ aktiv. Dem Verein (http://www.haushalten.org) sei es gelungen, zum Beispiel unter der Überschrift „Wächterhaus“, zentrale leerstehende Gebäude mit Initiativen von jungen Leute neu zu beleben. Die Besitzer seien davon überzeugt worden, dass zumindest zeitlich befristet eine kostenfreie oder günstige Nutzung von Gebäuden besser sei als Abbruch oder Leerstand.

 

Energiewende als Motor

Ideen ganz anderer Art zur Belebung und neuer Wertschöpfung in der Region stellte HAWK-Preisträger Dr. Ulrich Stiebel von Stiebel Eltron vor. Sein Vorschlag ist, eine „Energiewende als Motor der ländlichen Wirtschaftsentwicklung“ anzustreben. Auf der Landkarte der „energieautarken Regionen“ sei Holzminden ein weißer Fleck. Die Produktion regenerativer Energien auszubauen und auf der anderen Seite in Wärmedämmung zu investieren, würde auf der einen Seite Geld einsparen und könne auf der anderen Seite Arbeitsplätze schaffen.

 

Mehr Geld für den ländlichen Raum errungen

Christian Meyer, Niedersächsischer Minister für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, brachte in seinem Vortrag gute Nachrichten auch für seinen Heimatort mit: Das Land stelle mehr Geld für Dorferneuerung und -entwicklung zur Verfügung. Dem massiven Höfesterben werde unter anderem mit einer neuen Junglandwirteprämie entgegengetreten und besonders stolz sei er, dass es durch zähes Verhandeln gelungen sei, 15 Prozent mehr Geld für Niedersachsen aus EU-Fördermitteln für den ländlichen Raum zu erringen. Statt wie vorgesehen, 880 Millionen flössen nun 1,1 Milliarden Euro ins Land.

 

2050: Mobile Ärzteversorgung

Seine Vorstellungen, mit dem Wandel umzugehen, hatte der Präsident des Niedersächsischen Städte- und Gemeindebundes, Dr. Marco Trips, gleich zu Beginn der Immobiliendebatte in einen ebenso unterhaltsamen wie aufrüttelnden Science Fiction gekleidet und das Auditorium ins Jahr 2050 versetzt: Der Klimawandel habe zur Gegenbewegung aufs Land geführt, da es in den Städten zu heiß und zu eng geworden sei und die Kriminalität dramatisch zugenommen habe. Demgegenüber seien die Preise auf dem Land niedrig, die 24-Stunden-Kinderbetreuung eingeführt und statt Anonymität gebe es Nähe. Außerdem gebe es noch keine virtuelle Werbung am Himmel, statt dessen mobile Ärzteversorgung und Bürgerbüros. Solarbetriebener Verkehr und E-Government seien eine Selbstverständlichkeit und die Altenheime zu Kulturzentren geworden. Zudem sei Deutschland offizielles Einwanderungsland geworden, das die Menschen den passenden Regionen zuteile - und noch vieles mehr.

 

Anschluss an die Datenautobahn

Alles nur Zukunftsmusik? Auf jeden Fall schöne, neue Aussichten, die aufzeigten, dass Visionen, gemeinsames Handeln und auch Umsteuern bei liebgewordenen Gewohnheiten gefragt ist. Keine Vision sollte der Anschluss der Region an die Datenautobahn sein, das forderte Prof. Dr. Jürgen Erbach in seinem Abschlussstatement. Schnelle Internetverbindungen seien heute die Basis der Kommunikation. Erbach lehrt im Studienbereich Immobilienwirtschaft an der Holzmindener HAWK-Fakultät Management, Soziale Arbeit, Bauen. Er hat gemeinsam mit Christof Hardebusch, Chefredakteur der Fachzeitschrift ImmobilienManager, die Immobiliendebatte initiiert und organisiert. Hardebusch moderierte auch die Veranstaltung.

Erscheinungsdatum: 28.11.2013 

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