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Aktuelles aus der Hochschule

Wie wichtig ist die Restaurierungstheorie für die Praxis?

Expertinnen und Studierende der HAWK bei der ICOMOS-Konferenz in Florenz

Die internationale ICOMOS-Konferenz "Conservation Ethics Today: Are our Conservation-Restoration Theories and Practice ready for the 21st Century?", die in Florenz vom 28. Februar bis zum 3. März 2018 stattfand, geht auf eine Idee des ICOMOS National Scientific Committee (NSC) "Konservierung und Restaurierung von Wandmalerei und Architekturoberflächen" zurück, deren Leiterin die HAWK-Professorin Ursula Schädler-Saub ist, und dem auch Absolvent/inn/en der Studiengänge Restaurierung der HAWK angehören, die z. T. an der inhaltlichen Konzeption und Organisation der Tagung beteiligt waren. Das NSC kooperierte für diese Tagung im Europäischen Kulturerbejahr EYCH 2018 mit den beiden ICOMOS International Scientific Committees (ISC) "Stone" und "Theory and Philosophy of Conservation and Restoration". Es konnte zudem einen weiteren wichtigen Partner gewinnen, die European Confederation of Conservator-Restorers‘ Organisation E.C.C.O. Unterstützt wurde die Veranstaltung von ENCoRE, dem European Network for Conservation-Restoration Education, von den italienischen und deutschen Restauratorenverbänden A.R.I. und VDR, vom italienischen Staatsinstitut für Restaurierung Opificio delle Pietre Dure und vom Kunsthistorischen Institut in Florenz – Max-Planck-Institut. Die sehr gut besuchte Tagung wurde von der Fondazione Romualdo del Bianco und dem dazugehörigen International Institute Life Beyond Tourism ausgerichtet.

Internationale Referent/inn/en und das ebenso internationale Publikum, darunter viele junge Kolleg/inn/en, tauschten sich über Theorie und Praxis der Konservierung und Restaurierung aus. Verbunden mit einem Rückblick auf die Restaurierungstheorien des 20. Jahrhunderts, standen heutige Grundsätze der Restaurierungsethik und die Herausforderungen einer konstruktiven interdisziplinären Zusammenarbeit in der Baudenkmalpflege im Mittelpunkt. Etliche Beiträge befassten sich mit der Relevanz der "klassischen" Restaurierungstheorien für die heutige Praxis der Konservierung und Restaurierung von Kulturdenkmalen und ihrer Ausstattung. Wie haben sich diese Theorien in den vergangenen Jahrzehnten weiterentwickelt, wie hilfreich sind sie de facto für die aktuellen Herausforderungen in der Denkmalpflege? Welche theoretischen Grundsätze sind aus heutiger Sicht vor allem von historischem Interesse, welche ethischen Prinzipien sind neu dazugekommen? Mit einem Schwerpunkt auf den italienischen Restaurierungstheorien insbesondere von Cesare Brandi und Umberto Baldini, entzündete sich die Diskussion u.a. an der Frage, ob historisch und ästhetisch begründete Werturteile über frühere Restaurierungseingriffe auch heute noch zur gezielten partiellen Ent-Restaurierung führen dürfen. Hier trafen unterschiedliche Auffassungen aufeinander, die mit jeweils anderen Restaurierungstraditionen verbunden sind. Aber die Vorträge und Gespräche zeigten auch, dass ideologische Hardliner bei der Umsetzung theoretischer Grundsätze in die Praxis nicht gefragt sind. Wie facettenreich die Interpretation allgemein anerkannter restauratorischer Grundsätze aussehen kann und wie gewinnbringend sich dabei heutige gesellschaftliche Anforderungen einbeziehen lassen, wurde anhand etlicher Beispiele aus ganz Europa deutlich. Daraus folgt: Jede Restaurierungstheorie ermöglicht zeitgemäße Auslegungen, die sich von Region zu Region unterscheiden, weil sie mit spezifischen Traditionen und gesellschaftlichen Gegebenheiten konfrontiert sind und deshalb teils verschiedene Schwerpunkte setzen. Der philosophisch begründete Unterschied zwischen Restaurierungstheorie und Restaurierungsethik tritt in der praktischen Anwendung in den Hintergrund, weil die relevanten theoretischen und ethischen Prinzipien hier meist fließend ineinander übergehen bzw. deckungsgleich sind.

Einen weiteren thematischen Schwerpunkt der Tagung bildeten Fragen der interdisziplinären Zusammenarbeit und Kommunikation bei der Erhaltung von Kulturdenkmalen. Wie kann man den Austausch zwischen den zahlreichen in der Denkmalpflege tätigen Spezialisten verbessern, wie die Verständigung zwischen diesen und den Vertretern unterschiedlicher Institutionen und gesellschaftlicher Gruppen? Läuft dieser Austausch eher multidisziplinär, im Nebeneinander und leider auch oft im Durcheinander, mit vielen Missverständnissen, oder doch zunehmend interdisziplinär, ja sogar transdisziplinär? Verstehen die Fachleute verschiedener Sparten die jeweils anderen Fachsprachen und Zielsetzungen, gelingt eine Kommunikation auf Augenhöhe, kann man voneinander lernen und gemeinsame Konzepte entwickeln? Eine breit gefächerte Palette an Erfahrungsberichten aus verschiedenen Ländern und mit verschiedenen Akteuren zeigte, dass das Erkennen von Denkmalswerten und deren nachhaltige Bewahrung nur im kollegialen Austausch und mit guter Kommunikation zwischen allen Beteiligten möglich sind. Die Schlüsselrolle von Restauratorinnen und Restauratoren beim Erhalten von Kulturdenkmalen und dem Vermitteln von Untersuchungs- und Restaurierungsergebnissen wurde dabei deutlich.

Zum Abschluss der Tagung wurde der Austausch verschiedener Sichtweisen auf Theorie und Praxis der Konservierung und Restaurierung bei der Besichtigung älterer und aktueller Restaurierungen fortgeführt. Der Schwerpunkt lag dabei auf Wandmalereien und Architekturoberflächen in den Florentiner Kirchen Santa Maria Novella und Santa Croce sowie in den Prunksälen von Palazzo Pitti, die von Restaurator/inn/en des OPD anschaulich erläutert wurden und zu regen Diskussionen mit den Teilnehmenden führten. Bereits zum Auftakt der Tagung, mit der Besichtigung des öffentlich nicht zugänglichen Palazzo Zuccari in der via Giusti durch Kollegen des Kunsthistorischen Instituts in Florenz, zeigte sich, wie anregend eine gemeinsame Ortsbegehung unter fachkundiger Leitung sein kann.

Sehr erfolgreich war die internationale Poster Session zu Fragen der Restaurierungsethik in der Praxis, die von der HAWK-Absolventin Nadia Thalguter M.A. organisiert wurde und an der Studierende der Konservierung und Restaurierung und Young Professionals aus vielen Ländern mit über 20 qualitätvollen Beiträgen beteiligt waren. Studierende der HAWK waren mit drei Posters vertreten. Die "Posteristi", die persönlich an der Tagung teilnahmen, stellten ihre Posters zum Abschluss des ersten Konferenztages dem interessierten Publikum vor. Die breit gefächerten Themen widmeten sich dem Schutz archäologischer Stätten und der präventiven Konservierung historischer Ausstattung, ebenso speziellen Fragen wie z. B. der ethisch korrekten Erhaltung von Street Art, um nur ein Beispiel zu nennen.

Zum Abschluss der Tagung wurde eine gemeinsame Resolution zur Position von Restaurator/inn/en in der Baudenkmalpflege und zur Stärkung der interdisziplinären Zusammenarbeit auf diesem Gebiet verabschiedet. Diese Resolution und die 28 Tagungsbeiträge sowie die Poster sollen zeitnah von den beteiligten wissenschaftlichen ICOMOS Komitees in Kooperation mit dem polnischen Nationalkomitee von ICOMOS und der Technischen Universität Lublin publiziert und auch als E-Publication zum Download zur Verfügung gestellt werden.

Weitere Informationen:

Erscheinungsdatum: 02.05.2018