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Bauen und Erhalten

Projekte der Studienrichtung
Schriftgut, Buch und Graphik

Berufsbegleitend studieren an der HAWK

Erfahrungsbericht und Fazit aus dem Bereich der Konservierung und Restaurierung

Susan Albrecht und Anja Grubitzsch haben von 2012 bis 2015 an der Fakultät Bauen und Erhalten der HAWK den Bachelor-Studiengang Konservierung und Restaurierung mit der Studienrichtung Schriftgut, Buch und Graphik studiert. Beide haben als erste Absolventinnen der Studienrichtung zeitgleich während des Studiums in leitenden Positionen gearbeitet. In diesem Zusammenhang sind ihre Erfahrungen von großem Interesse, weswegen sich beide Restauratorinnen und Prof. Dipl.-Ing. Dipl.-Rest. Ulrike Hähner von der HAWK zu einem diesbezüglichen Gespräch getroffen haben. Inhalte betrafen

  • die Herausforderungen des Studiums nach langjähriger Berufstätigkeit
  • die Organisation von Studium und Arbeit,
  • Fragen zur Optimierung der Unterstützung von Studentinnen, die nach einer langen Arbeitsphase wieder in ein Studium einsteigen und zeitgleich weiterhin an ihrer Arbeitsstelle arbeiten möchten sowie
  • die Vorteile durch den Studienabschluss.

Die Absolventinnen konnten Beruf und Studium miteinander vereinen, da sie nach einem Studienverlaufsplan studierten, der die spezifische Situation sowie langjährige praktische Arbeitserfahrungen berücksichtigte. Berufliche Leistungen ließen sich anerkennen und die Schwerpunkte des Studiums konnten die Absolventinnen auf naturwissenschaftliche Fächer, Kunst- und Restaurierungsgeschichte sowie die Lehrinhalte der präventiven Konservierung und Restaurierungstechnik legen. Die Abschlussarbeiten, die in Kooperation mit dem Institute for Printing, Processing and Packaging der HTWK Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig erfolgten, widmeten sich naturwissenschaftlich anspruchsvollen und zugleich praxisnahen Themen. Anja Grubitzsch behandelte die papierrestauratorischen Anforderungen an das Schließen von Rissen und ihre Überprüfung, Susan Albrecht beschäftigte sich mit der materialwissenschaftlichen Charakterisierung der Stabilisierungstechnik Rissschließung.

Rückblickend sehen die Absolventinnen einen großen Gewinn im Erlernen von wissenschaftlichen Arbeitsmethoden und sie schildern, dass diese ihnen zu Beginn des Studiums weitgehend fremd waren. Die Grundlagen zu erlernen, bedeutete für beide Absolventinnen ihr bisher gewohntes, überwiegend handwerklich geprägtes Vorgehen umzustellen. Wichtig für ihren heutigen Arbeitsalltag sind die erworbenen Kenntnisse der Bauphysik, Chemie und Mikrobiologie sowie der präventiven Konservierung und der Restaurierungsgeschichte. Durch das Studium an der HAWK haben sie eine viel größere Sicherheit im Umgang mit Kulturgut und den Auftraggebern gewonnen. Sie können fachlich besser argumentieren, die komplexen Zusammenhänge von Alterung, Materialzustand und Schadensursachen umfassender erklären, aufbauend Handlungsstrategien entwickeln sowie Arbeitsergebnisse bewerten. Darüber hinaus haben sie gelernt, Arbeitsschritte zu hinterfragen, um Weiterentwicklungen zu ermöglichen. Beispielsweise optimieren sie gerade die Qualitätskontrolle durch messtechnische Verfahren der Mikrobiologie.

Die Herausforderungen lagen am Anfang des Studiums bei der Orientierung in der Hochschulwelt und ihrer nicht immer einfach verständlichen Organisation. Die Restauratorinnen schildern, dass sie große Hilfe von einer Mitstudentin erhalten haben, die sie wie eine Lotsin begleitet hat. Sie regen diese Begleitung für Studentinnen und Studenten an, die aus der Berufswelt kommen und sich an der Hochschule zurechtfinden und vor allem auch in das Lernen wieder einsteigen müssen. Das kontinuierliche Lernen bedeutete eine große Umstellung und hohe zeitliche Investitionen. Frau Albrecht und Frau Grubitzsch haben sich gegenseitig unterstützt, bildeten gemeinsam eine Lerngruppe und haben sich zudem Nachhilfe organisiert.

Beide wollen auf dem Bachelor-Abschluss weiter aufbauen. Der Weg nach Hildesheim ist allerdings doch recht weit und sie möchten bei einem weiteren Studium ihre Familien etwas weniger vernachlässigen. Aus diesem Grund wird ihre Wahl auf eine Studieneinrichtung in Leipzig fallen.

Für die HAWK und die Studienrichtung ergibt sich folgendes Fazit:

  • Die Studienmöglichkeit hat sich grundsätzlich bewährt, setzt aber ein hohes Maß an Leistungswillen und Disziplin der Studentinnen und Studenten voraus.
  • Das Ergebnis führt neben den persönlichen Auswirkungen auch zu einer Schärfung des Berufsbildes Restaurator/Restauratorin und zeigt deutlich die Abgrenzung zum Handwerk.
  • Die berufsbegleitend Studierenden können in die Studiengruppen ein höheres Maß an Praxisorientierung und -erfahrung einbringen.
  • Diese Möglichkeit kann weiter und verstärkt angeboten werden. Es sollten Modelle zur Erleichterung der Doppelbelastung (Arbeit-Studium) geprüft werden (z.B. Kooperation mit anderen Hochschuleinrichtungen regional und überregional).

Das Gespräch erfolgte im Büro der PAL Preservation Academy Leipzig. Zur Vorbildung der Absolventinnen: Susan Albrecht absolvierte nach dem Abitur im Jahr 1989 eine handwerkliche Ausbildung zur Buchbinderin im Jahr 2001 und bildete sich zur Buchbinderin für Restaurierungsarbeiten mit Abschluss 2009 weiter. Anja Grubitzsch ist ebenfalls handwerklich ausgebildete Buchbinderin. Sie schloss ihre Ausbildung 1989 ab, besuchte 1992 eine Weiterbildung in den USA zur Erstellung von Sekundärmedien, unter anderem an der Library of Congress, Washington D.C. und legte ihr Abitur 1996 am Abendgymnasium Leipzig ab. Anja Grubitzsch ist seit 2012 Geschäftsführerin der PAL Preservation Academy Leipzig, einem Unternehmen für buchbinderische und restauratorische Arbeiten einschließlich Massenentsäuerung von Archiv- und Buchbeständen. Susan Albrecht leitet seit 2011 die Restaurierungswerkstatt der PAL.

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Erscheinungsdatum: 04.04.2016